Progressive Nation Tour 2009

Oktober 4, 2009 von Philipp Henn

Gestern Abend machten die Protagonisten der „Progressive Nation Tour 2009″ rund um die amerikanischen Prog-Metaller Dream Theater Halt in der Düsseldorfer Philipshalle. Drei weitere Bands standen auf dem Spieplan, darunter mit Opeth einer meiner absoluten Lieblingsacts. Pflichtprogramm also.

Den Anfang machten Unexpect. Meine Güte, was für ein unglaublicher Müll! Zwei Sänger, die halbwegs passable Death Metal-Vocals auf die Reihe kriegten, dazu eine Sängerin, die sich am Nightwish-Opern-Sopran versuchte, ein Geiger, der alle anderen Instrumente übertönte, Keyboards, Saiteninstrumente und ein dann doch ordentlicher Drummer. Alles zusammen war das absolute Chaos, nicht zu ertragen, und ich ertrage musikalisch eigentlich einiges. Wenn die beiden Sänger/Gitarristen/Bassisten (ich weiß gar nicht, wer da was gespielt hat) und der Drummer alleine auf der Bühne gewesen wären, hätte mir das wohl gefallen können. So habe ich mich nach dem ersten Song wieder ins Foyer begeben. Grausam.

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und nach erfreulich kurzen zehn Minuten Umbaupause kam Band Nummer 2, Bigelf, auf die Bühne. Die sahen aus wie eine üble Drone-Band, hörten sich aber an wie eine Deep Purple-, Led Zeppelin- und Black Sabbath-Coverband, die irgendwann angefangen hat, eigene Songs zu schreiben, sich aber immer noch nach den alten Heroen anhört. Insgesamt aber sehr unterhaltsamer, flotter Hardrock.

Auch Bigelf durften 30 Minuten spielen, und wieder ging es erstaunlich schnell, bis Opeth an der Reihe waren. Die begannen klug mit dem ruhigen Windowpane, um nicht direkt noch mehr Dream Theater-Fans aus der Halle zu vertreiben. Sehr viele standen nämlich noch im Foyer oder draußen. Ich befürchtete schon, Opeth würden ein komplett ruhiges Set spielen, um die Death Metal-unaffinen Prog-Metal-Fans nicht zu verärgern. Aber Mikael Akerfeldt kündigte als zweiten Song etwas dämonischeres, „even satanic“, an, und als er das Intro von The Lotus Eater summte, war der Abend für mich gerettet. Leider waren die Schweden viel zu laut eingestellt, vor allem die Drums waren hart an der Schmerzgrenze. Schade, den sowohl bei Bigelf zuvor, als auch bei Dream Theater später, war der Sound beinahe perfekt. Aber egal. Es folgte Reverie/Harlequin Forest, dann erklärte Akerfeldt, dass er wisse, dass viele Fans in der Halle nicht viel von Death Metal hielten. Sie seien schließlich Pussies. Und deshalb würden sie jetzt einen Song spielen, den diese Leute wie die Pest hassen würden. April Ethereal war dafür die richtige Wahl. Als ich Opeth das letzte Mal gesehen habe spielten sie Demon of the Fall, das Mal davor When. Man scheint sich also von Tour zu Tour durch das phänomenale My Arms, Your Hearse-Album zu spielen. Doch immer noch waren die Schweden mit dem Lärmen nicht durch, es folgte noch das großartige Deliverance, bevor der Abschluss nach knapp einer Stunde mit dem gemächlichen Hex Omega für die Dream Theater-Fans beschwichtigend ausfiel. Toller Auftritt.

Die Umbaupause nach Opeth war dann nach den beiden sehr kurzen zuvor fast unverschämt lang. Besonders, da der Umbau selber offensichtlich nach wenigen Minuten fertig war und die Roadies fast 20 Minuten lang scherzend am Bühnenrand standen. Aber die Herren von Dream Theater wollten scheinbar einfach bis Punkt 22.30 Uhr warten, um dann genau eineinhalb Stunden bis 12 Uhr, wie auf der Eintrittskarte angegeben, spielen zu können. Albern. Als dann der Vorhang endlich fiel, blieb erstmal ein paar Minuten nichts anderes übrig, als mal wieder Mike Portnoy an seinem gigantischen Drumkit zu bestaunen. Der Mann ist einfach ein Phänomen, unglaublich mit was für einer Leichtigkeit der seinen Drums die abgefahrensten Rhythmen entlockt. Aber was soll ich insgesamt zu meiner ehemaligen Lieblingsband sagen? DT sind irgendwie ein zweischneidiges Schwert geworden. Die Instrumentalleistung der Herren Portnoy, Myung, Petrucci und Rudess ist nach wie vor unglaublich genial. Wenn eine Band fast während des kompletten Gigs Nahaufnahmen der Hände ihrer Mitglieder, wie sie über Saiten, Tasten und Trommeln jagen, auf drei (!!!) Leinwänden zeigen darf, dann sind das Dream Theater. Natürlich ist das Angeberei, natürlich ist das musikalische Onanie. Aber das können DT nun mal wie keine andere Band. Sonst können die Herren leider immer weniger. Der erste Song war offensichtlich ein neuer, denn ich kannte ihn nicht. Vom neuen Album habe ich nur die erste Singleauskopplung gehört, die mich so sehr langweilte, dass ich das Album nicht mal probegehört habe. Die Nicht-Solo-Passagen sind einfach belanglos. DT schwächelten schon immer, wenn Sänger James LaBrie auf die Bühne kam, aber ich habe das Gefühl, dass das immer schlimmer wird. Früher waren die mit Gesang unterlegten Stellen zumindest noch halbwegs spannend und die Texte ok. Spätestens seit Octavarium, dem letzten ordentlichen DT-Album, sind diese Passagen immer gleich, triefen vor Mitgröhl-Kitsch (was das Publikum leider auch lautstark tat) und die Texte sind einfach nur noch pathetisch. Dazu kommen neuerdings unglaublich peinliche, computeranimierte Leinwandfilme, nicht lustig wie bei Rush, sondern einfach albern. Pinselschwingende Elefanten und patronentragende Ameisen, wer kommt auf solche bescheuerten Ideen? Das DT auch mal anders konnten, zeigten sie dann als zweites mit dem herausragenden The Mirror und später noch mit dem fantastischen Instrumental The Dance of Eternity vom Über-Album Scenes from a Memory, dessen Genialität Dream Theater wohl nie wieder erreichen werden. Ansonsten überzeugte noch In the name of God von Train of Thought, sowie die Solopassagen der neuen Songs, bei denen LaBrie (der aber, das muss man ihm zugute halten, diesmal zumindest fast alle Töne traf) nicht auf der Bühne stand. Einen Totalausfall, nämlich eine unglaublich kitschige Ballade vom neuen Album, gab es auch. Ballade ist eigentlich noch zu nett, seien wir ehrlich, das war ein Schlager. Als Zugabe gab es einen zumindest halbwegs spannenden Song vom neuen Album. Insgesamt wie gesagt ein zweischneidiger Auftritt. Sag doch mal einer bitte den Jungs, dass sie am besten sind, wenn sie Songs rund um endlose Solo-Passagen konstruieren, und nicht, wenn sie fast schon massenkompaktible Mitsingstücke schreiben. Und sie sollen doch bitte aufhören, Muse sein zu wollen. Muse sind toll, ja. Aber, liebe Dream Theater-Jungs: niemand braucht eine zweite Band, die wie Muse klingt. Also lasst die Finger von Intros wie beim unsäglich pathetischen Prophets of War. Muse machen das viel besser als ihr und versuchen außerdem nicht, wie ihr zu klingen. Lasst es einfach!

Kurzes Fazit: Unexpect: großer Müll. Bigelf: unterhaltsam. Opeth: fantastisch, wie immer. Dream Theater: instrumentell hui, songtechnisch pfui.

Deutsche Bahn – Damit man die Hälfte des Konzerts nicht sehen muss

September 27, 2009 von Philipp Henn

Vielen Dank erstmal an die Deutsche Bahn: dank Gleisreparatur zwischen Düsseldorf und Essen  (die es nötig machte, die S-Bahn-Fahrgäste für zwei Stationen mit dem Bus zu transportieren) kam ich gestern abend eine dreiviertel Stunde zu spät im Turock an, und hatte dadurch die erste Band, The Ordher, komplett verpasst und konnte von der zweiten Band, Fleshgod Apocalypse, noch einen Song miterleben. Danke!

Gekommen war ich aber wegen den beiden Hauptacts, den polnischen Death Metal-Veteranen Vader und den schwedischen Marduk, Black Metal-Band der höheren Geschwindigkeitskategorie. Erstere ließen zum Glück auch nicht zu lange auf sich warten und lieferten einen guten Auftritt ab. Gut, nicht überragend. Ich hatte mir von der Band, die mit Litany eins der besten DM-Alben überhaupt rausgehauen hat, etwas mehr erwartet. Dabei spielten sie mit Wings und Final Massacre, dem ersten und dem letzten Song von Litany, auch die richtigen Tracks dieses Albums. Es lag wohl eher am Gesang. Piotr Wiwczarek gehört meiner Meinung nach eigentlich zu den besseren DM-Shoutern, aber da Vader live ein gutes Stück schneller spielten als auf ihren Alben, lag er oft daneben, verschluckte Worte oder war einfach gar nicht zu verstehen. Schade, sonst war der Sound nämlich ok.

Im Gegensatz zu Vader haben mich dann allerdings Marduk sehr positiv überrascht. Eigentlich bin ich weder großer Black Metal-Fan, noch habe ich mich mit dem bisherigen Werk Marduks mehr als oberflächlich befasst. Ich hatte mir schon überlegt, bei Nichtgefallen früh zu gehen, da die Rückfahrt nach Düsseldorf sicher wieder anstrengend würde. Aber meine Güte, die Schweden haben vielleicht reingehauen. Abgesehen von ein bis zwei „Old School“-Midtempo-Songs haben die Jungs nur volles Tempo gebolzt. Sehr beeindruckend, dass war dann doch noch versöhnlich.

Aber es stand ja noch die Rückfahrt, wieder mit Busexkursion, an. Und die dauerte dann, statt 45 Minuten, mal eben zwei Stunden. Macht Spaß sowas, danke nochmal Deutsche Bahn.

Nächsten Samstag wird es dann in der Düsseldorfer Philipshalle wieder progressiver als gestern: Opeth und Dream Theater geben sich die Ehre. Ich freu mich drauf.

Skandalös tendenziös

Juli 27, 2009 von Philipp Henn

Vor zwei Wochen fand die konstituierende Sitzung des neu gewählten Studierendenparlamentes statt. Eine Koalition aus Juso HSG, LHG und Multi-Kulti-HSG stellt nun, unter Duldung von RCDS und Die Partei HSG, den AStA. Neuer AStA-Vorsitzender ist Andreas Jentsch von der Juso HSG.

Bisher habe ich das Ganze nicht kommentiert, da ich als Mitglied des Wahlausschusses neutral bleiben wollte. Das ist aber nun vorbei, die Wahl ist gelaufen, und eine Kleinigkeit möchte ich anmerken.

Nicht die Tatsache, dass die neue Koalition versucht hat, fast jede Aussprache in der Sitzung durch Anträge auf Schluss der Rednerliste ganz am Anfang von Tagesordnungspunkten, Begrenzung der Redezeit auf 1 Minute usw. zu verhindern (was man für undemokratisch halten könnte). Auch nicht die Tatsache, dass die Fachschaftenliste, die die meisten Sitze im SP erhielt, nicht an der AStA-Koalition beteiligt wurde (was meiner Ansicht nach aber vertretbar ist). Und auch nicht den kleinen Nazi-Skandal, den ein Mitglied der Partei HSG verursachte, der Liste, die den neuen SP-Präsidenten stellt (da war ich allerdings schon nicht mehr da). Nein, mir geht es um eine kleine Bemerkung, die dem – da noch aktiven, jetzt ehemaligen – „Chefredakteuer“ (ViSdP) der Campus Delicti an den Kopf geworfen wurde.

Dieser stellte nämlich dem AStA-Vorsitz-Kandidaten einige kritische Fragen, was den zukünftigen Umgang mit dem Pressereferat anging, worauf er von Seiten der neuen Koalition als „Tendenzjournalist“ bezeichnet wurde. Und das ist interessant. Ich möchte gar nicht behaupten, dass der entsprechende Redakteur seine Fragen nicht leicht „parteiisch“ stellte. Immerhin verlor er gerade seinen Job. Die Campus Delicti selber war aber meinem Empfinden nach in der letzten Legislaturperiode alles andere als parteiisch. Nicht nur war der ViSdP listenlos, auch war noch kürzlich ein Interview mit den ehemaligen AStA-Vorsitzenden Rainer Matheisen (LHG) und Philipp Tacer (Juso HSG) in der Zeitung, welche damals noch in der Opposition waren und trotzdem eines ihrer Projekte (die Initiative „Studenten für Düsseldorf“) vorstellen konnten. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Es geht darum, dass die ehemalige Opposition, jetzt wieder Koalition, sich scheinbar selber nie darum scherte, ob Journalisten tendenziös berichteten, insbesondere, wenn es zu ihren Gunsten geschah. Denn zwischen Juso HSG/LHG und einer Redakteurin der Westdeutschen Zeitung (WZ) scheint eine sehr enge Beziehung zu bestehen. So berichtete die WZ-Redakteurin im vergangenen Jahr mehrfach negativ über den damaligen Fachschaftenliste-AStA und insbesondere über den Vorsitzenden Dennis Heckendorf. Dabei gab sich die gute Dame Mühe, nicht einmal den Anschein zu erwecken, sie betreibe objektiven, unparteiischen Journalismus. Und auch nach der Wahl wurde von ihr noch nachgetreten. Die WZ veröffentlichte nämlich eine Meldung mit dem Wahlergebnis. Anstatt sich aber an die journalistisch gebotene Trennung von Meldung und Meinung zu halten, erwähnte die Redakteurin auch noch die genaue Stimmzahl Heckendorfs. Diese sei extrem niedrig (stimmt), was zeige, wie gering sein Rückhalt in der Studierendenschaft sei. Sie erwähnte dabei nicht, dass ein anderes Mitglied der Fachschaftenliste die meisten Stimmen auf sich vereinte, und das die ehemalige stellvertretende AStA-Vorsitzende Hanna Schade die drittmeisten Stimmen (nach Andreas Jentsch) erhielt. Auch die Informationsquelle der Redakteurin kann eigentlich nur ein Mitglied der neuen AStA-Koalition sein, denn der Wahlausschuss hat das Ergebnis nicht an sie weitergegeben, bei der öffentlichen Auszählung der Stimmen war sie (meines Wissens nach, und ich kenne die Dame vom Sehen und einem kurzen Gespräch bei einer anderen Gelegenheit) nicht anwesend und auf der Homepage des AStA wurden nur die Listenergebnisse veröffentlicht, nicht die Stimmergebnisse der einzelnen Kandidaten (die Meldung scheint mittlerweile aber ganz verschwunden zu sein).

Und als sei Negativpresse über den alten AStA noch nicht genug, bietet die WZ auch der neuen und vorigen Koalition immer mal wieder eine Plattform. Am 10.07. noch gab es eine ganze Doppelseite über studentisches Leben in Düsseldorf. Und auffallend viele der dort präsentierten Studierenden waren Mitglieder von Juso HSG oder LHG. Mit dabei unter anderem: die ehemaligen AStA-Vorsitzenden Matheisen und Tacer, in einem Artikel über ein bei Studenten angeblich beliebtes Restaurant (beide treten übrigens bei den Kommunalwahlen für FDP bzw. SPD an und durften in einem Extra-Kasten noch für ihre Initiative werben); Robin Teller, neues Mitglied der Campus Delicti-Redaktion und Düsseldorfer Juso-Pressesprecher/-Vorstandsmitglied, in einem Artikel über den „Treffpunkt Tiefkühltheke“; Andreas Jentsch, neuer AStA-Vorsitzender, in einem Artikel über das Leben im Wohnheim. Sehr repräsentativ für die Düsseldorfer Studierendenschaft, in der Tat.

Man sieht also: Tendenzjournalismus scheint nur dann schlecht zu sein, wenn er sich tendenziell gegen den Kritiker des Tendenzjournalisten richtet. Ansonsten ist Tendenzjournalismus tendenziell ne tolle Sache.

(Ich weiß, dass das gerade im Lokaljournalismus nunmal so läuft. Nicht schön, aber nun ja … Trotzdem finde ich es verlogen, jemandem Tendenzjournalismus vorzuwerfen, und dabei selber fett davon zu profitieren.)

Nachtrag 28.07.09: Thomas aus dem ehemaligen AStA-Vorstand hat sich der merkwürdig parteiischen „Berichterstattung“ der WZ in seinem Blog noch wesentlich ausführlicher gewidmet. Interessant!

Munteres Behaupten

Juni 4, 2009 von Philipp Henn

Eigentlich finde ich ja Kritik an Religion und Kirchen gut. Die atheistisch/säkulare Buskampagne, die ihren Ursprung in Großbritannien hatte, halte ich auch grundsätzlich für eine gute Idee. Oft genug stören mich christliche Werbebotschaften auf der Straße, ein bißchen kreative Gegenwehr von Nichtgottesgläubigen ist da nötig. In der Uni ist mir aber jetzt folgendes Plakat der Kampagne übel aufgestoßen:

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Der gute Vorsatz in Ehren, aber auch die Menschenrechte sind kein Naturphänomen, keine galaktische Konstante, keine Fakten, nicht „real“ … wie sinnvoll und wichtig sie auch immer sein mögen. Menschenrechte sind – genau wie Religionen und (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) Gott – eine menschliche Erfindung. Und dazu noch eine, um die sich leider viel zu viele Menschen immer noch einen Dreck scheren. Und obwohl es eigentlich wichtig ist, die Bedeutung der Menschenrechte immer und immer wieder zu erwähnen, hat es meiner Ansicht nach einen faden Beigeschmack, sie quasi gegen Gottesglauben ins Feld zu führen, indem man das macht, was Gottesgläubige auch machen, nämlich einfach mal so eine Realitätsbehauptung aufzustellen. Wenn, dann müsste man wohl sagen, die Menschenrechte seien irreal, denn es gibt so viele Verstöße gegen diese Rechte, dass sie wohl leider eher Ausnahme als Regel sind.

Trink!

Mai 13, 2009 von Philipp Henn

In der SZ behauptet eine Überschrift auf der Titelseite noch über dem Bruch heute: „Werbung treibt Jugendliche zum Komasaufen“ (Online-Artikel). Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat demnach eine Studie durchgeführt, in der ermittelt wurde, wie gut Kinder und Jugendliche Alkoholwerbung erkennen könnten. Außerdem wurden sie nach ihrem Alkoholkonsum befragt. Das Ergebnis: je mehr der Plakate oder Standbilder aus TV-Spots die Kinder und Jugendlichen erkennen, desto höher ist auch ihr Alkoholkonsum. Daraus schlussfolgert der Studienleiter Reiner Hanewinkel: „Es ergibt sich ein ganz klarer Zusammenhang zwischen Werbekonsum und exzessivem Trinken.“ Nun, der Zusammenhang mag ja „klar“ sein, aber ist er auch kausal? Bewirkt Werbekonsum wirklich exzessives Trinken? Die Medienwirkungsvorstellung, die hier angelegt wird ist die, welche die Werbewirtschaft gerne hätte: Stimulus-Response oder Hypodermic Needle, sprich, die Werbebotschaft (Stimulus) löst direkt einen gewollten Effekt (Response) aus, geht direkt unter die Haut. Die Medienwirkungsforschung ist aber eigentlich auf dem Stand, dass dieses Bild absolut nicht haltbar ist. Zu viele andere Faktoren spielen neben dem Medienstimulus eine Rolle, so dass dieser höchstens eine von vielen Variablen ist.

Mich würde interessieren, ob hier auch mal an Kontrollvariablen gedacht wurde. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass das Alter eine Rolle spielt. Je älter der Jugendliche, desto mehr Alkoholwerbung sieht er, nimmt er wahr und lernt er. Und je älter der Jugendliche, desto mehr Alkohol trinkt er. Auch der sozio-ökonomische Status könnte eine Rolle spielen. Jugendliche aus sozio-ökonomisch niedrig gestellten Haushalten sehen mehr fern und trinken mehr Alkohol wäre so eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben die Forscher dies auch bedacht, und nur in der Präsentation ihrer Ergebnisse verschwiegen, weil sich eine Story, so wie sie jetzt in der SZ steht, viel besser verkaufen lässt. Und weil sich dann die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing hinstellen und einen weiteren Akt von Symbolpolitik fordern kann, nämlich eine Einschränkung der Alkoholwerbung.

Nicht missverstehen: vielleicht ist an den Ergebnissen wirklich was dran, ich habe ja nichtmal in die Studie geguckt. Aber „Ergebnisse“ wie dieses müssen halt stutzig machen. Außerdem hätte ich nicht unbedingt etwas gegen ein Werbeberbot für Alkohol. Ich habe nur etwas dagegen zu glauben, dass ein solches Werbeverbot das Problem von „Komasaufen“ und „exzessivem Alkoholkonsum“ beheben könnte.

Ach ja, und noch zum „exzessiven Alkoholkonsum“. Das stört mich schon eine ganze Weile. Laut Definition des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung ist exzessiver Trinker, wer in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal mehr als fünf Gläser Alkohol konsumiert hat. Ich also definitiv. Und natürlich eine ganze Menge anderer Jugendlicher und junger Erwachsener. Aber: was ist Alkohol? Ob ich fünf 0,2er Gläser Bier oder fünf 0,5er Cocktails trinke ist ein gewaltiger Unterschied. Und auch das Alter spielt eine Rolle. Für einen 18jährigen Jungen sind fünf Gläser Bier etwas völlig anderes als für ein 13jähriges Mädchen. Solche Kategorien sind schwachsinnig. Ich will gerade die Anzahl in Krankenhäuser eingelieferter „Alkoholleichen“ nicht kleinreden, aber was hier propagiert wird, das ist Panikmache und Symbolpolitik.

Nachtrag: Ich habe gerade in die Studie geschaut. Tatsächlich wurde auf Variablen wie Alter und sozio-ökonomischer Status kontrolliert. Die Autoren sehen aber auch unter Kontrolle immer noch einen Zusammenhang:

„Auch nach statistischer Kontrolle einer Reihe von Alternativerklärungen ist die Chance für Lebenszeit und aktuellen Konsum sowie „Binge-Drinking“ in der Gruppe mit dem höchsten Werbekontakt in etwa verdoppelt im Vergleich zur Gruppe mit dem niedrigsten Kontakt mit Alkoholwerbung.“

Aber der nächste Satz lautet: „Querschnittliche Analysen allein erlauben allerdings keine zweifelsfreie Bestätigung eines kausalen Zusammenhangs.“ Und das ist wichtig. Ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch lange nicht, dass auch ein kausaler Zusammenhang vorliegt, schon gar nicht mit Werbekonsum als ursächlicher Variable für Alkoholkonsum. Die Studie selber liest sich selbstverständlich wesentlich weniger aufgeregt als die Berichterstattung oder die Statements der Bundesdrogenbeauftragten. Ich bleibe also dabei: was hier betrieben wird, ist hauptsächlich Symbolpolitik.

Nachtrag 2: Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen der Studie aufgefallen ist, ist deren völlige Theorielosigkeit. Es wird ein statistischer Zusammenhang erkannt, so weit, so gut. Aber dann wird eine kausale Wirkung behauptet, die absolut nicht begründet wird. Warum und vor allem wie beeinflusst Werbung denn das Verhalten Jugendlicher dahingehend, dass sie mehr Alkohol konsumieren? Was die Autoren der Studie hier machen, will ich an folgendem Beispiel verdeutlichen: Ich rolle einen Gegenstand über eine Tischkante, beobachte, dass der Gegenstand zu Boden fällt, und behaupte dann, unsichtbare Geister seien für diesen Vorgang verantwortlich. Dies begründe ich nicht weiter, ich behaupte es einfach. Genau so machen die Autoren das. Sie beobachten einen Zusammenhang und behaupten dann eine Ursache und eine Wirkung, ohne diese zu begründen. Manch einer mag zwar glauben, Sozial- oder Geisteswissenschaften kämen ohne Theorie aus, aber dem ist nicht so. Einfach etwas aufgrund einer Beobachtung zu behaupten ist unwissenschaftlich.

Über die Methodologie der Studie möchte ich mich jetzt gar nicht mehr auslassen, das würde den Rahmen sprengen. Nur soviel: zum heiklen Thema Alkohol Jugendliche im Klassenverband zu befragen, bei Anwesenheit der Lehrer, ist zumindest fragwürdig.

Die Qual der Wahl

Mai 9, 2009 von Philipp Henn

Da ich am 07.06. wahrscheinlich nicht nach Aachen fahren kann, habe ich für die Europawahl zum ersten Mal Briefwahl beantragt. Heute sind die Unterlagen angekommen und zum ersten Mal habe ich mir, anders als sonst in der Wahlkabine, wirklich die Zeit genommen und mir alle 31 zur Wahl stehenden Parteien genau durchgelesen. Und musste teilweise laut lachen. Ganz im Sinne Anthony Downs habe ich mir als rationaler Wähler zur Erlangung der vollständigen Information die Parteien und ihre Ziele im Internet angeschaut, obwohl meine Entscheidung eigentlich schon steht.

CDU (Christlich Demokratische Union Deutschlands): Die Christdemokraten treten als einzige mit einer Liste für NRW, nicht mit einer gemeinsamen Liste für alle Länder an. Sie wollen sich für eine stabile Währung, Wirtschaftswachstum und sichere Arbeitsplätze einsetzen (ach, wirklich?) und lehnen eine Vollmitgliedschaft der Türkei ab (ach, wirklich?). Sollte die Union bei der Wahl gewinnen (?), will sie laut Generalsekretär Ronald Pofalla den künftigen deutschen Kommissar stellen. Er übersieht aber scheinbar, dass, sollte der neue EU-Vertrag angenommen werden, erstens nach dem Rotationsprinzip ab und zu Deutschland gar keinen Kommissar stellen darf und dass zweitens die Kommissare „unabhängig“ sein sollen. Ob das auf ein Parteimitglied zutrifft muss sich dann wohl erst noch zeigen.

SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands): Die SPD, die zur Zeit mit einer selten dämlichen Plakatkampagne gegen sich selber wirbt, will mit Europa klare Regeln für die Finanzmärkte und neue Arbeitsplätze schaffen, Lohndumping verhindern, durch Geld für Bildung, Innovation und Forschung in die Zukunft investieren, für Umweltschutz sorgen und weltweit für Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit eintreten. Nicht wirklich überraschend, aber alles andere wäre ja auch eine Überraschung gewesen.

GRÜNE (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Grünen wollen WUMS. WUMS? Ja, WUMS. „Wirtschaft und Umwelt, menschlich und sozial“. Nun ja, blöder, pseudocooler Slogan, aber wählen werde ich sie wohl trotzdem. Spitzenkandidaten sind übrigens die Rebecca und der Reinhard. So voll bürgernah und so!

FDP (Freie Demokratische Partei): Auch die Liberalen überraschen höchstens mit einem umständlichen Weg, bis man mal bei ihren Europawahlzielen angekommen ist: Freiheit (der urliberale Wert!), Marktwirtschaft und Bürgerrechte heißen die Schlagworte. Wahlkampftechnisch macht man voll auf Obama, angefangen vom Layout der Homepages, dem Mitmach- und Spendenaspekt bis zur Konzentration auf die Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin.

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