Gestern fand ich die Konferenz ja nicht so berauschend. Wegen eines liegengebliebenen ICE verspätete sich heute mein Zug um fast eine Stunde, so dass ich den ersten Programmpunkt, eine weitere Podiumsdiskussion, fast komplett verpasste. Schade eigentlich, denn Tariq Banuri, Leiter der UN-Abteilung für Nachhaltige Entwicklung, zuvor einer der Hauptautoren des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und somit immerhin ein Stückchen Friedensnobelpreisträger, sowie Prof. Charles Hopkins, UNESCO-Lehrstuhlinhaber in Toronto, hätte ich gerne gehört. Als ich ankam, blieb noch eine halbe Stunde Diskussion zum Thema „Anreize und Hindernisse für einen nachhaltigen Lebenstil“ übrig.
Banuri plädierte gestenreich (zwischenzeitlich musste ein anderes Podiumsmitglied sein Mikro halten, da er beide Arme zum Gestikulieren frei haben wollte) für eine Energiepreiserhöhung in den Industriestaaten bei gleichzeitiger Preissenkung in Entwicklungsstaaten und wies ziemlich eindringlich darauf hin, dass wir im „Westen“ eigentlich keine zusätzlichen Ressourcen mehr brauchen. Rainer Wend von der Deutschen Post, ebenfalls auf dem Podium, gab sehr ehrlich zu, dass sein Unternehmen zwar sehr viel für Nachhaltigkeit tue und deshalb auch einen Preis dafür erhalten habe, dies aber bei Weitem nicht nur aus Altruismus tue, sondern vor allem aus wirtschaftlichem Eigennutzen. Sehr schöner Kommentar von ihm: „Jetzt habe ich Ihnen viel darüber erzählt was die Deutsche Post/DHL so alles für die Umwelt tut … glauben Sie mir nur die Hälfte!“ Auch forderte er Eingriffe der Politik wie Besteuerung von CO2-Ausstoß. Nur dann könnten Unternehmen wie die Post es sich leisten, CO2-Neutral zu transportieren, da sie von Konkurrenz nicht unterboten werden könnten. Interessant das in solchen Belangen nach der Politik gerufen wird und sonst jeder über „zu viel Staat“ jammert. Ruud Schuthof, ein Politikberater, wies auf einen Einwurf aus dem Publikum, dass die Probleme doch alle bekannt seien, sehr zu Recht darauf hin, dass dies nicht wirklich der Fall sein. Er nannte das Beispiel Fleischkonsum, auch für mich ein wichtiger Punkt, der bei der Frage nach CO2-Ausstoß und Wasserverbrauch in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig beachtet wird. Einen richtigen roten Faden in der Diskussion konnte ich nicht mehr ausmachen, aber die Statements gefielen mir schon besser als gestern, da war meiner Ansicht nach mehr konkretes dabei heute.
Weiter ging es mit einem Workshop, der diesmal den Namen auch verdient hatte. Im nahegelegenen UN-Gebäude („Langer Eugen„) ging es um „Youth Volunteering“. Sehr beeindruckend erst einmal das Gebäude. Am Eingang Kontrollen wie am Flughafen, dann mit dem Fahrstuhl in Rekordgeschwindigkeit hoch in die 21. Etage. Großartiger Ausblick über Bonn und den Rhein! Im Workshop, der von jungen UN-Freiwilligen (UNV) organisiert und geleitet wurde, stellten verschiedene Mitarbeiter zunächst Projekte aus der ganzen Welt vor, bevor gemeinsam überlegt wurde, wie die Jugend sich besser Gehör verschafften kann. Das war wesentlich interessanter, interaktiver und konkreter als der gestrige Workshop. Für meinen Unikurs muss ich einen Report über diese spezielle Teilveranstaltung schreiben, eventuell stell ich die auch hier ein.
Etwas sauer aufgestoßen ist mir bei den UNVlern nur der Umgang mit Ressourcen beim Workshop selber. Jeder Teilnehmer bekam eine der allgegenwärtigen Pappmappen mit massenhaft Infomaterial, alles auf gebleichtem Papier. Die ganze Zeit über liefen im Raum zwei Notebooks, obwohl eins auch gereicht hätte. Das wirkte auf mich etwas heuchlerisch, man hätte zumindest Umweltpapier nehmen und auf den Stromverbrauch achten können, wenn man schon die Welt retten will.
Das war dann auch schon die Konferenz. Der zweite Tag entschädigte zumindest ein bißchen für die gestrige Enttäuschung. Falls diese hier repräsentativ war, werden eher politische Konferenz wohl nicht wirklich mein Ding werden, da wird mir doch irgendwie zu viel gekuschelt.
Toll war aber immerhin die Location: schon spannend mal im alten Bundestag zu sein, genauer im Wasserwerk, in dem der Bundestag für eine Weile residierte. Der Bundesadler an der Wand, Regierungsbank und Präsidiumsempore noch in Originalzustand, die kleine Glaszelle für Simultanübersetzer, die Schließfächer der damaligen Abgeordneten im winzigen Foyer … tolle Sache. Und echt mickrig im Vergleich zum Berliner Reichstag. Aber hey, das gilt auch für Bonn an sich.
