Vergangene Woche fragte eine freie Journalistin, die für wdr.de schreibt, bei der Uni-Pressestelle an, ob man ihr Studierende für Interviews empfehlen könne. Sie wollte eine Reportage über, natürlich, die aktuellen Proteste und die Bedingungen schreiben, unter denen studiert wird. Die Pressestelle leitete die Umfrage unter anderem an mein Institut weiter, da auch zufriedene Bachelor-Studierende gesucht würden, und der BA Sozialwissenschaften als Studiengang gilt, bei dem vieles besser läuft als anderswo und der von seinen Studierenden durchweg positiv bewertet wird. Die Anfrage landete also bei meinem Chef, und so erklärte ich mich bereit, mit der Journalistin, Frau Züger, zu sprechen. Wir trafen uns letzten Donnerstag an der Uni und ich erzählte ihr eine Dreiviertelstunde lang alle möglichen Dinge über mein Studium. Ich erzählte ihr, wie es für mich in den ersten Semestern war, einen Bachelor-Studiengang zu studieren. Ich erklärte ihr, dass bei uns viele Probleme, die bei den Protesten zur Sprache kommen, nicht gegeben sind. Ich sagte ihr, dass ich eine gewisse Strukturierung eines Studiengangs für sinnvoll halte und warum ich das tue. Ich führte aus, welche Forderungen der Protestler ich befürworte und welche ich ablehne. Ich zählte auf, welche organisatorischen und strukturellen Merkmale unseres Studienganges ich für vorbildhaft halte und wie andere Studiengänge oder Institute eventuell davon lernen könnten. Und die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, dass Frau Züger, nicht wesentlich älter als ich selber, ehrlich daran interessiert war, was ich sagte. Sie erzählte mir, dass sie sich noch mit anderen Studierenden treffen würde, die nicht so zufrieden seien wie ich. Ich gab ihr sogar noch den Tipp, mal in den besetzten Hörsaal zu gehen, um Gegenstimmen zu dem zu kriegen, was ich ihr erzählt hatte (was sie wohl nicht tat). Ich ging also davon aus, dass sie einen ausgewogenen, fairen Bericht darüber schreiben würde, welche Vor- und Nachteile der Bologna-Prozess hat und mit welchen Problemen und Chancen die Studierenden konfrontiert werden. Aber da habe ich wohl falsch gedacht.
Vorgestern erschien der Artikel unter dem Titel „Lernen mit Tunnelblick„. Und was Frau Züger aus meinen Aussagen gemacht hat, halte ich ehrlich gesagt für eine Unverschämtheit. Auch bei uns am Institut führte der Artikel zu einiger Verstimmung. Fangen wir mal mit dem ersten Satz an, der sich auf mich bezieht: „Doch viele Studierende haben das Prinzip Bachelor bereits verinnerlicht.“ Was das „Prinzip Bachelor“ genau ist, erklärt Frau Zügler nicht explizit. Aber einige Stichworte fallen bis zu dieser Stelle: Stundenpläne, Anwesenheitslisten, vorgeplante Lehrinhalte, Frontalunterricht; und natürlich Tunnelblick. All das habe ich also verinnerlicht. Ok, das Gefühl habe ich bisher nie gehabt, und meiner Meinung nach auch im Gespräch nicht rübergebracht. Aber Frau Zügler kennt mich nach 45 Minuten wohl besser als ich selber.
Weiter geht es mit einem direkten Zitat: „Ein Studium ist für mich die Möglichkeit, sich auf den Beruf vorzubereiten. Und klar ist Bildung immer gut, aber die Diplomler haben eben viele Kurse besucht, die für den Abschluss nicht nötig waren.“ Zunächst: all das habe ich gesagt, ja. Aber nicht zusammenhängend, sondern immer in anderen Kontexten (Frau Zügler benutzte kein Diktiergerät, sondern schrieb ganz klassisch Stichwörter in ein Notizbuch). Der erste Satz war eine bewusst knappe Antwort von mir auf die direkte Frage nach der Bedeutung eines Studiums für mich. Die Frage stellte Frau Zügler ganz am Ende des Gesprächs, nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich eine wissenschaftliche Karriere anstrebe (was sie, fast beiläufig, im nächsten Satz auch erwähnt). Natürlich muss ein Studium, auch ein universitäres, dann für mich Vorbereitung auf den Beruf als Wissenschaftler bedeuten. Im Kontext mit dem ersten Teil des nächsten Satzes klingt es aber so, als würde ich Ausbildung statt Bildung an Universitäten befürworten, ein Vorwurf, der zum Beispiel unter dem Stichwort „Verschulung“ an den Bologna-Prozess gerichtet wird. Das ist aber ganz und gar nicht meine Meinung. Meiner Ansicht nach muss sich ein universitäres Studium ganz klar von einer Berufsausbildung oder auch einem Fachhochschulstudium abheben, eben mehr sein als nur „Ausbildung“. Meine Aussage bezüglich Bildung und unnötigen Kursen bezog sich auf die Strukturierung der Studiengänge. Damit war nicht gemeint, dass ich „über den Tellerrand schauen“ nicht gutheiße und fordere. Damit war gemeint, dass es meines Wissens nach viele Diplomler gab, die einfach aus Gründen der Überforderung und wegen unstrukturierten Studiengängen Semester verloren haben. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass jeder besuchte Kurs, egal ob wirklich notwendig oder nicht, zur Bildung beiträgt und deshalb nicht verkehrt sein kann. Aber man muss nun einmal berücksichtigen, dass es auch Studierende gibt, die nicht ewig vor sich her studieren wollen. Und denen erleichtert man durch eine gewisse Strukturierung das Studium (siehe den kurzen Abschnitt über den BWL-Diplomler im Artikel).
An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zum Thema Regelstudienzeit. Oft wird argumentiert, dass durch die Regelstudienzeitfestlegung auf meist sechs Semester die Studierenden zu blinden Auswendiglernmachinen erzogen werden, die zu einem möglichst schnellen Studium gezwungen werden. Aber wer zwingt eigentlich einen Studierenden dazu, in sechs Semestern fertig zu werden? Ich sehe die Regelstudienzeit eher als einen Art Anspruch, den wir Studierende an die Universität stellen dürfen. Uns muss ermöglicht werden, in dieser Zeit abzuschließen, wenn wir das wollen. Warum all die Leute, die über zu enge Stundenpläne jammern, nicht einfach zwei Semester dranhängen, verstehe ich nicht wirklich. Klar, da ist das Problem der Studiengebühren. Jedes Zusatzsemester kostet halt wieder knapp 700 Euro. Aber das ist eine andere Baustelle, die mit der Regelstudienzeit an sich nicht direkt etwas zu tun hat. Und damit wieder zurück zum Tunnelblick-Artikel.
Also, durch die Auswahl des direkten Zitats und den Hinweis, ich habe das Bachelor-Prinzip verinnerlicht, erweckt Frau Zügler den Eindruck, ich sei ein kliescheehafter BA-Zombie, auf Tempo getrimmt und nicht gewillt, jenseits eines kleinen Radius nach Wissen zu suchen. Im übernächsten Absatz geht es dann weiter: „Bei den Protesten sind Studenten wie Philipp Henn dabei: keine Studiengebühren, weniger Stoff, mehr Zeit bis zum Abschluss – auf diese Ziele können sich alle einigen.“ Und hier wird es richtig unverschämt (mal abgesehen davon, dass ich ihr lang und breit erklärte, dass ich mich zwar im Sommer an den Protesten beteiligt habe, dies aber momentan nicht mehr tue, weil ich mit vielen der Forderungen nicht einverstanden bin). Keine Studiengebühren, ja, das habe ich gesagt. Da stehe ich auch zu. Bildung ist für mich ein zu wichtiges Gut, als dass es sich eine Gesellschaft leisten kann, sie vom Einkommen der Eltern abhängig zu machen. Das gilt übrigens nicht nur für ein Studium, sondern auch für Schule und Kindergarten. Aber weniger Stoff? Ich weiß nicht, mit wem Frau Zügler gesprochen hat, aber das habe ICH ganz sicher nicht gesagt. Im Gegenteil, ich bin sogar der Ansicht, dass ein Studium mehr Stoff enthalten muss, als man als Studierender aufnehmen kann. Um mal ein wenig kapitalistisches Vokabular zu verwenden: ist das Angebot an Wissen zu knapp, hat man als Konsument keine Auswahlmöglichkeit. Man nimmt das, was vorhanden ist. Ist das Angebot aber größer als die Nachfrage, dann habe ich als Konsument die freie Auswahl, kann verschiedene Sachen ausprobieren und dann irgendwann das richtige für mich finden. Dabei bleibt es nicht aus, dass ein Teil der Ware auf dem Müll landet, also früher oder später wieder vergessen wird. Und zuletzt „mehr Zeit bis zum Abschluss“. Das leitete Frau Zügler wohl aus meinem Kommentar ab, dass ich nicht verstehen könnte, warum alle Studiengänge auf sechs Semester angelegt sind, obwohl auch acht möglich wären. Damit habe ich mich aber nicht grundsätzlich für ein längeres Studium ausgesprochen, sondern für flexiblere Lösungen, je nach Fach.
Soviel dazu, wie Frau Zügler meine Aussagen verdreht hat, um sie an den Tenor ihres Artikel anzupassen. Aus 45 Minuten Gespräch hat sie sich die 2-3 Aussagen rausgesucht, die mit ein bißchen Geschick diesen Bachelor-Bash-Tenor stützen. Bleiben noch die sonstigen Frechheiten. Im ersten Absatz stellt sie einen unserer Dozenten mit ihrem komischen Maus-Zitat („Eine Studentin ruft: „Herr Schmidt, meine Maus geht nicht.“ Und Herr Schmidt kümmert sich darum.“) sehr merkwürdig dar. Was soll dieser Einschub? Nichts anderes, als einen Bachelor-Kurs lächerlich zu machen natürlich. Dann die Absätze, die sich mit einer meiner BA Sowi-Kommilitonin befassen. Ich will hier der Erstsemestlerin nichts unterstellen, nicht nachdem ich gesehen habe, wie Frau Zügler meine Darstellungen verdreht hat. Aber eine von beiden erzählt(e) die Unwahrheit. Das die Studentin nur im TWA-Kurs ein Referat halten darf, ist schlicht falsch. Mindestens im Grundkurs Kommunikations- und Medienwissenschaften MÜSSEN auch Referate gehalten werden. Und dann, ganz am Ende, letzter Satz, dies: „Auch wenn morgen kein Dozent ihre kritische Meinung zum gelesenen Text hören will.“ Was für ein unsäglicher Blödsinn. In jedem Kurs, sogar in den meisten Vorlesungen bei uns am Institut, sind Zwischenfragen und Meinungsäußerung jederzeit möglich und meistens sogar gefordert. Natürlich kann sich in einem Grundkurs mit 40 Teilnehmern nicht jeder und jede in jeder Stunde 10 Minuten über die Lektüre auslassen. Aber das machen die Kommilitoninnen und Kommilitonen ja auch nicht. In den allermeisten Kursen sind es immer die gleichen 4-5 Leute, die sich aktiv beteiligen. Der Rest schweigt vor sich hin und hat oft nicht einmal die Vorbereitungsliteratur gelesen, was nötig wäre, um sich zu beteiligen.
Frau Zügler erzählte mir im Gespräch, dass sie noch ein Diplom gemacht habe. Und scheinbar hat das bei ihr ganz gut geklappt (wie so oft in dieser Diskussion scheint sie völlig auszublenden, dass Diplomstudiengänge in den Geistes- und Sozialwissenschaften Abbrecherquoten bis zu 70% hatten), was sie wohl zu der Schlussfolgerung führte, dass im Diplom alles super war und im Bachelor also alles schlecht sein muss (ich unterstell ihr das jetzt einfach mal, macht sie ja auch so gerne). Nun, liebe Frau Zügler, wer hat da die Scheuklappen angelegt? Der Artikel ist ein Paradebeispiel für einseitigen Journalismus. Journalismus mit Tunnelblick.