Gestern Abend machten die Protagonisten der „Progressive Nation Tour 2009″ rund um die amerikanischen Prog-Metaller Dream Theater Halt in der Düsseldorfer Philipshalle. Drei weitere Bands standen auf dem Spieplan, darunter mit Opeth einer meiner absoluten Lieblingsacts. Pflichtprogramm also.
Den Anfang machten Unexpect. Meine Güte, was für ein unglaublicher Müll! Zwei Sänger, die halbwegs passable Death Metal-Vocals auf die Reihe kriegten, dazu eine Sängerin, die sich am Nightwish-Opern-Sopran versuchte, ein Geiger, der alle anderen Instrumente übertönte, Keyboards, Saiteninstrumente und ein dann doch ordentlicher Drummer. Alles zusammen war das absolute Chaos, nicht zu ertragen, und ich ertrage musikalisch eigentlich einiges. Wenn die beiden Sänger/Gitarristen/Bassisten (ich weiß gar nicht, wer da was gespielt hat) und der Drummer alleine auf der Bühne gewesen wären, hätte mir das wohl gefallen können. So habe ich mich nach dem ersten Song wieder ins Foyer begeben. Grausam.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und nach erfreulich kurzen zehn Minuten Umbaupause kam Band Nummer 2, Bigelf, auf die Bühne. Die sahen aus wie eine üble Drone-Band, hörten sich aber an wie eine Deep Purple-, Led Zeppelin- und Black Sabbath-Coverband, die irgendwann angefangen hat, eigene Songs zu schreiben, sich aber immer noch nach den alten Heroen anhört. Insgesamt aber sehr unterhaltsamer, flotter Hardrock.
Auch Bigelf durften 30 Minuten spielen, und wieder ging es erstaunlich schnell, bis Opeth an der Reihe waren. Die begannen klug mit dem ruhigen Windowpane, um nicht direkt noch mehr Dream Theater-Fans aus der Halle zu vertreiben. Sehr viele standen nämlich noch im Foyer oder draußen. Ich befürchtete schon, Opeth würden ein komplett ruhiges Set spielen, um die Death Metal-unaffinen Prog-Metal-Fans nicht zu verärgern. Aber Mikael Akerfeldt kündigte als zweiten Song etwas dämonischeres, „even satanic“, an, und als er das Intro von The Lotus Eater summte, war der Abend für mich gerettet. Leider waren die Schweden viel zu laut eingestellt, vor allem die Drums waren hart an der Schmerzgrenze. Schade, den sowohl bei Bigelf zuvor, als auch bei Dream Theater später, war der Sound beinahe perfekt. Aber egal. Es folgte Reverie/Harlequin Forest, dann erklärte Akerfeldt, dass er wisse, dass viele Fans in der Halle nicht viel von Death Metal hielten. Sie seien schließlich Pussies. Und deshalb würden sie jetzt einen Song spielen, den diese Leute wie die Pest hassen würden. April Ethereal war dafür die richtige Wahl. Als ich Opeth das letzte Mal gesehen habe spielten sie Demon of the Fall, das Mal davor When. Man scheint sich also von Tour zu Tour durch das phänomenale My Arms, Your Hearse-Album zu spielen. Doch immer noch waren die Schweden mit dem Lärmen nicht durch, es folgte noch das großartige Deliverance, bevor der Abschluss nach knapp einer Stunde mit dem gemächlichen Hex Omega für die Dream Theater-Fans beschwichtigend ausfiel. Toller Auftritt.
Die Umbaupause nach Opeth war dann nach den beiden sehr kurzen zuvor fast unverschämt lang. Besonders, da der Umbau selber offensichtlich nach wenigen Minuten fertig war und die Roadies fast 20 Minuten lang scherzend am Bühnenrand standen. Aber die Herren von Dream Theater wollten scheinbar einfach bis Punkt 22.30 Uhr warten, um dann genau eineinhalb Stunden bis 12 Uhr, wie auf der Eintrittskarte angegeben, spielen zu können. Albern. Als dann der Vorhang endlich fiel, blieb erstmal ein paar Minuten nichts anderes übrig, als mal wieder Mike Portnoy an seinem gigantischen Drumkit zu bestaunen. Der Mann ist einfach ein Phänomen, unglaublich mit was für einer Leichtigkeit der seinen Drums die abgefahrensten Rhythmen entlockt. Aber was soll ich insgesamt zu meiner ehemaligen Lieblingsband sagen? DT sind irgendwie ein zweischneidiges Schwert geworden. Die Instrumentalleistung der Herren Portnoy, Myung, Petrucci und Rudess ist nach wie vor unglaublich genial. Wenn eine Band fast während des kompletten Gigs Nahaufnahmen der Hände ihrer Mitglieder, wie sie über Saiten, Tasten und Trommeln jagen, auf drei (!!!) Leinwänden zeigen darf, dann sind das Dream Theater. Natürlich ist das Angeberei, natürlich ist das musikalische Onanie. Aber das können DT nun mal wie keine andere Band. Sonst können die Herren leider immer weniger. Der erste Song war offensichtlich ein neuer, denn ich kannte ihn nicht. Vom neuen Album habe ich nur die erste Singleauskopplung gehört, die mich so sehr langweilte, dass ich das Album nicht mal probegehört habe. Die Nicht-Solo-Passagen sind einfach belanglos. DT schwächelten schon immer, wenn Sänger James LaBrie auf die Bühne kam, aber ich habe das Gefühl, dass das immer schlimmer wird. Früher waren die mit Gesang unterlegten Stellen zumindest noch halbwegs spannend und die Texte ok. Spätestens seit Octavarium, dem letzten ordentlichen DT-Album, sind diese Passagen immer gleich, triefen vor Mitgröhl-Kitsch (was das Publikum leider auch lautstark tat) und die Texte sind einfach nur noch pathetisch. Dazu kommen neuerdings unglaublich peinliche, computeranimierte Leinwandfilme, nicht lustig wie bei Rush, sondern einfach albern. Pinselschwingende Elefanten und patronentragende Ameisen, wer kommt auf solche bescheuerten Ideen? Das DT auch mal anders konnten, zeigten sie dann als zweites mit dem herausragenden The Mirror und später noch mit dem fantastischen Instrumental The Dance of Eternity vom Über-Album Scenes from a Memory, dessen Genialität Dream Theater wohl nie wieder erreichen werden. Ansonsten überzeugte noch In the name of God von Train of Thought, sowie die Solopassagen der neuen Songs, bei denen LaBrie (der aber, das muss man ihm zugute halten, diesmal zumindest fast alle Töne traf) nicht auf der Bühne stand. Einen Totalausfall, nämlich eine unglaublich kitschige Ballade vom neuen Album, gab es auch. Ballade ist eigentlich noch zu nett, seien wir ehrlich, das war ein Schlager. Als Zugabe gab es einen zumindest halbwegs spannenden Song vom neuen Album. Insgesamt wie gesagt ein zweischneidiger Auftritt. Sag doch mal einer bitte den Jungs, dass sie am besten sind, wenn sie Songs rund um endlose Solo-Passagen konstruieren, und nicht, wenn sie fast schon massenkompaktible Mitsingstücke schreiben. Und sie sollen doch bitte aufhören, Muse sein zu wollen. Muse sind toll, ja. Aber, liebe Dream Theater-Jungs: niemand braucht eine zweite Band, die wie Muse klingt. Also lasst die Finger von Intros wie beim unsäglich pathetischen Prophets of War. Muse machen das viel besser als ihr und versuchen außerdem nicht, wie ihr zu klingen. Lasst es einfach!
Kurzes Fazit: Unexpect: großer Müll. Bigelf: unterhaltsam. Opeth: fantastisch, wie immer. Dream Theater: instrumentell hui, songtechnisch pfui.
