Roger Waters in Landgraaf (NL)

Zum zweiten Mal war ich gestern bei einem Konzert des ehemaligen Pink Floyd-Mastermind Roger Waters. Roger Waters performing The Dark Side of the Moon war angekündigt. Bei schönstem Wetter fand das Konzert Open Air auf dem Megaland-Gelände im niederländischen Landgraaf (unweit der deutschen Grenze) statt, wo auch jährlich das Pinkpop-Festival gastiert. Schon die riesige Bühne und vor allem die im und um den ganzen Zuschauerbereich aufgestellten Lautsprechertürme versprachen ein tolles Erlebnis. Pünktlich im 20.00 Uhr lief dann der Introfilm auf der großen Hauptleinwand an (an den Seiten der Bühnen befanden sich noch zwei Leinwände, also auch für mich als 1,70m Mensch eine Chance, genug zu sehen). Los ging es dann erwartungsgemäß mit In the flesh. Waters (gealtert, aber immer noch fit) hatte eine 9-köpfige Band inklusive drei Sängerinnen dabei, da war einiges an Soundpower zu erwarten. Und der erste Eindruck bestätigte das: bombastisch. Der Sound war glasklar und ernsthaft “Surround Sound”. Die Geräuscheffekte kamen von allen Seiten, wanderten um das Publikum. Explosionen, Züge, Schafe … ich frage mich ja, wie sich die ganzen zugedröhnten Leute im Publikum gefühlt haben müssen, wenn solche Geräusche auf einmal von hinten auf sie zukamen. Aber weiter im Text. Es folgten Mother und ein mitreißendes Set the controls for the heart of the sun. Shine on you crazy diamond (stark gekürzte Version, dafür Unmengen von Seifenblasen auf der Bühne), Have a cigar und das obligatorische Wish you were here bildeten dann den Block für das Wish you were here-Album. Bisher alles super, die Songs souverän gespielt, das Publikum hatte Spaß und die Sonne verschwand langsam, was den Lichteffekten mehr Wirkungsraum bot. Nun wurde es Zeit für ein bißchen Politik: Southhampton Dock und The Fletcher Memorial Home vom letzten Pink Floyd-Album mit Waters (The Final Cut) sind klare Anti-Kriegs-Songs, die jetzt per entsprechender Videoinstallationen gegen den amerikanischen “war on terror” vorgetragen wurden. Thematisch passend folgte dann mit Perfect Sense, dem ersten wirklichen Waters-Solo-Song des Abends, eine weitere Kriegsabrechnung, begleitet von einem lustigen Animationsfilm (Kampf Ölplattform vs. U-Boot, mit spektakulären Pyroeffekten auf der Bühne) und mit einer großartigen Gesangseinlage von einer der Backgroundsängerinnen. Genialer Song, ganz großes Highlight. Abgeschlossen wurde dieser thematische Block dann durch Waters aktuellsten Solo-Song Leaving Beirut. Autobiografisch erzählt er davon, wie er in jungen Jahren bei einer Reise durch den Nahen Osten eine Autopanne hatte und bei Beirut im Libanon für eine Nacht bei einer libanesischen Familie unterkam. Die Gastfreundschaft der Menschen trotz ihrer Armut berührte Waters so sehr, dass er heute die Frage stellt: wie können wir gegen solche Leute ernsthaft Krieg führen? Fantastisch war die visuelle Begleitung des Liedes: schwarz-weiß Comicstrips mit zusätzlichen Texten erzählten die Geschichte, zum Gesang wurden über den Köpfen Waters und denen der Sängerinnen Sprechblasen eingeblendet. Tolle Idee. Es folgte Sheep vom Pink Floyd-Album Animals. Und natürlich durfte dazu ein riesiges aufblasbares Schwein nicht fehlen. Das rosafarbene 5 Meter lange Monsterschwein war von Waters mit politischen Botschaften besprüht worden, am Bauch prangte ein fetter “Obama”-Schriftzug. Am Ende des Songs durfte das Schwein dann feierlich in die Abenddämmerung entschweben. Waters kündigte eine kurze Pause vor The Dark Side of the Moon an, erst sollte es richtig dunkel werden. In der knapp 15-minütigen Pause hatte man dann genug Zeit sich zu überlegen, was wohl mit dem langsam entschwindenen Schwein passieren würde. Der lustigste Gedanke war der bezüglich des armen, flugkranken Passagiers, der im Anflug auf den Aachen-Maastricht Airport ein 5 Meter-Schwein am Fenster vorbeifliegen sieht. Aber auch die Vorstellung, das Ding morgens beim Aufstehen im Garten liegen zu sehen hat was für sich.

Nach der Unterbrechung, endlich war es richtig dunkel, wurde dann das komplette Dark Side of the Moon gespielt. Ich bin jetzt kein Riesenfan dieses speziellen Pink Floyd-Albums (bedeutet: klasse, aber nicht ihr bestes), aber am Stück und mit zahlreichen visuellen und Audioeffekten versehen war das schon klasse. Am Ende drehte sich dann vor der Bühne ein riesiges Neonröhren-Prisma, das bunte Lichter über die Landschaft warf. Die Kiffer neben mir hatten sicher einen wunderbaren Abend. Nach dem abschließenden Eclipse verließ die Band unter tosendem Beifall die Bühne, kam aber rasch für die Zugabe zurück. Wenig überraschend gab es, eingeleitet durch The happiest days of our lives, den The Wall-Hit Another brick in the wall, Pt. 2. Und ja, auch 50-jährige holländische Banker brauchten immer noch keinerlei “education” und schrien imaginäre Lehrer an, die Kinder doch endlich in Ruhe zu lassen. Schon lustig. Erfreulicherweise gab’s dann mit Vera und Bring the boys back home zwei weniger populäre The Wall-Stücke, die aber konsequent die politische Botschaft des Abends beschlossen. Zum Abschluss folgte dann noch das wunderbare Comfortably Numb mit tollem dreistimmigem Gitarrenfinale. Ein würdiges Ende für ein großartiges Konzert mit immerhin knapp 2 1/2 Stunden Spieldauer.

Klar, wenn so ein gigantisches Repertoire an fantastischen Songs zur Auswahl steht, gibt es an der Setlist immer was zu mäkeln. Ich persönlich hätte beispielsweise gerne auf das unausweichliche Another brick in the wall verzichtet und dafür noch eins von Waters Solo-Werken gehört, z.B. die genialen Every stranger’s eyes oder It’s a miracle. Aber vermutlich hätte es ohne Another brick in the wall Tote gegeben. Das ist jetzt natürlich Jammern auf ganz hohem Niveau, aber ohne ein bißchen Kritik kann so eine Rezension ja nicht stehen bleiben. Gut genug um ein bißchen Kritik wegstecken zu können war’s allemale.

Setlist:

  • In the flesh
  • Mother
  • Set the controls for the heart of the sun
  • Shine on you crazy diamond
  • Have a cigar
  • Wish you were here
  • Southhampton Dock
  • The Fletcher Memorial Home
  • Perfect Sense
  • Leaving Beirut
  • Sheep

(Pause)

  • Speak to me
  • Breathe (in the air)
  • On the run
  • Time
  • The great gig in the sky
  • Money
  • Us and them
  • Any colour you like
  • Brain damage
  • Eclipse

——

  • The happiest days of our lives
  • Another brick in the wall, Pt. 2
  • Vera
  • Bring the boys back home
  • Comfortably numb

Nachtrag: Fotos und Videos in erstaunlich guter Qualität gibt’s über diesen niederländischen Blog.

2 Antworten zu “Roger Waters in Landgraaf (NL)”

  1. Anja sagt:

    I’ve been there too! Great show, great weather, what else could you wish for :-)
    It was worth the 3 hour drive!

  2. Jana sagt:

    Super Beitrag,

    ich war letztes Jahr schon in Leipzig bei Roger Waters das war auch schon super aber in Landgraaf hat alles übertroffen. Besser hätte ich das Erlebnis nicht beschreiben können.

    Gruß aus Gütersloh von Jana!

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