Weblog-Archiv für 15. Mai 2008

Das Böse - revisited

Mai 15, 2008

Galileo Mystery ist ja bekannt für absurde Themen und Enthüllungen, die so albern präsentiert werden, dass die Switch-Satire auf die Sendung sich kaum vom Original unterscheidet. Morgen enthüllt Möchtegern-Mulder Aiman Abdallah scheinbar wieder unglaubliches:

Das Böse – steckt der Teufel in jedem von uns?

Warum begehen scheinbar friedliebende Menschen plötzlich ein Verbrechen? Wie ist es möglich, dass ganz normale Familienväter andere Menschen foltern und Spaß an deren Leiden empfinden? Galileo Mystery begibt sich auf die Suche nach der Ursache des Bösen.

Aiman Abdallah spricht dazu mit einem Mann, der die Erforschung des Bösen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: der Psychologe Prof. Philip Zimbardo von der Stanford-Universität in Kalifornien. Sein Experiment zum Bösen aus dem Jahre 1971 schrieb Wissenschaftsgeschichte und wurde mehrmals verfilmt: Im Stanford-Prison-Experiment stellte Zimbardo die Situation in einem Gefängnis mit Studenten nach. Aber innerhalb weniger Tage geriet die Situation vollkommen außer Kontrolle.

Die Studenten, die die Gefängniswärter spielen sollen, verwandelten sich in brutale Sadisten. Zimbardo musste das Experiment abbrechen. Seitdem ist er sich sicher: Es braucht nur die geeignete Situation und das Böse bricht aus. Diese These wird Galileo Mystery in einem eigenen Experiment überprüfen. Testpersonen sollen andere Menschen bestrafen – mit Stromstößen. Stromstöße, die tödlich sein können.

Das Ergebnis des Experiments ist erschreckend: Es zeigt: Das Böse – es steckt in fast jedem von uns.

Den Trailer zur Sendung sah ich eben im Fernsehen. Und das “eigene Experiment” von Pro7 kam mir schon in diesen wenigen Einstellungen bekannt vor. Vor allem, da ich einen Film über dieses Experiment heute in einer Vorlesung sah. Einen Film aus den 70er Jahren. Das Pro7-Experiment wurde nämlich erstmals 1962 in den USA von dem Psychologen Stanley Milgram durchgeführt, und ist deshalb auch als Milgram-Experiment bekannt. Die Ergebnisse von Milgrams Versuch sind bekannt und sicher erschreckend. Sie sagen aber nicht, dass “das Böse in fast jedem von uns steckt”. Sie belegen nur, dass Menschen den Anweisungen einer Autoritätsperson folgen, auch wenn das gegen ihre persönliche Einstellung verstößt. Milgram testete noch einige Änderungen in der Versuchsanwendung, später wurde das Experiment jedoch nicht mehr durchgeführt. Es wurde im Zuge einer langwierigen Ethikdebatte in der Wissenschaft ausführlich diskutiert (wie auch Zimbardos Gefängnis-Experiment). Mittlerweile verfügen die meisten Wissenschaftsvereinigungen über Kataloge mit forschungsethischen Regeln, die solche Experimente zwar nicht explizit verbieten, ihnen aber sehr kritisch gegenüberstehen (siehe den Ethik Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, DGS).

Ich vermute wegen der Bilder zur Sendung, dass Pro7 das Experiment nicht wirklich neu durchgeführt, sondern einfach nachgespielt hat. Warum Milgram nicht als Urheber genannt wird, weiß ich nicht. Vielleicht bekam man keine entsprechende Genehmigung zur Nutzung von Material und Namen (Milgram selber starb 1984). Philip Zimbardo stand aber offensichtlich zur Verfügung. Ich verstehe nur nicht, warum er auch noch in der Sendung auftritt. Ich wäre mir dafür an seiner Stelle ja zu schade.

Vielleicht werde ich mir die Sendung morgen mal angucken. Und vielleicht tue ich Pro7 ja auch unrecht, und sie erwähnen Milgram in der Sendung. Ich vermute aber eher, dass sie es nicht tun werden.