Das Böse - revisited (2)
Mai 17, 2008Wie ich vermutete, wurde in der gestrigen Galileo Mystery-Ausgabe “Das Böse - steckt der Teufel in jedem von uns?” das berühmte Experiment von Stanley Milgram aus den 60ern dargestellt. Dabei wurde mit keinem Wort erwähnt, dass dieses Experiment von Milgram stammt. Es wurde vielmehr durch Formulierungen wie “unser Experiment” suggeriert, die Galileo-”Experten” hätten sich den ganzen Versuch selber ausgedacht. Dabei entsprach die Umsetzung wirklich 1:1 dem Original: angefangen von der Probandensuche via Zeitungsanzeige, der Versuchsanordnung, dem Aussehen der Geräte, den Kommentaren des Versuchsleiters usw. Dabei zeigte man die Durchführung des Experiments mit zwei Probanden (welch repräsentative Stichprobe): “Markus” und “Elisabeth”. “Markus” offenbarte das Böse in sich, indem er der angeblichen Testperson - wie im Milgramversuch ein Schauspieler - bei falschen Antworten auf die Testfragen Stromstöße steigender Stärke verpasste, ohne sich von den Schmerzschreien abhalten zu lassen. Dabei zeigte “Markus” eine Kaltblütigkeit, wie sie Milgram bei keinem seiner Kandidanten feststellte. Er fragte kein mal, ob er weitermachen sollte, lachte nicht, zuckte bei den Schreien nicht zusammen. Das lässt natürlich vermuten, dass es sich auch bei “Markus” um einen Schauspieler handelte. Entsprechend war Probandin “Elisabeth” am Ende der Sendung das Positivbeispiel und brach den Versuch nach einiger Zeit ab, was den wunderbaren Schluss “Das Böse steckt in jedem von uns - aber eben auch das Gute.” zuließ. Die Annahme, dass es sich bei den Versuchspersonen um Schauspieler handelte, ist auch deswegen plausibel, weil eine tatsächliche Durchführung des Experiments heutzutage kaum noch ethisch vertretbar wäre. Wenn es sich bei dem Versuchsleiter wirklich um einen Psychologen gehandelt haben sollte, würde es mich sehr wundern, wenn dieser die Durchführung begleitet hätte.
Es bleiben also zwei mögliche Deutungen: entweder Pro7 lügt die Zuschauer an, indem man suggeriert, ein Experiment durchzuführen, es aber in Wahrheit nur nachspielt (von der Nichterwähnung Milgrams mal ganz abgesehen). Oder Pro7 führt ethisch nicht vertretbare Experimente für eine Unterhaltungssendung durch. Und das bei immerhin 1,03 Millionen Zuschauern und einem 13%-Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe (14-49jährige Zuschauer).