Opeth – Watershed

By Philipp Henn

Nach einer Woche Heavy Rotation glaube ich, dass ich das neue Werk der schwedischen Ausnahmeband Opeth so weit erfasst habe, dass eine Rezension Sinn macht. Soviel sei vorweg gesagt: dieses Album ist kompliziert. Es ist wahrscheinlich das undurchschaubarste und komplexeste Opeth-Album bisher. Watershed erschließt sich nicht beim ersten Hören, auch nicht beim zweiten. Ich habe das Album jetzt vielleicht 20mal durchgehört, und ich verstehe immer noch nicht alle Songs. Alleine schon eine Genreklassifizierung anzugeben ist fast unmöglich. Früher konnte man Opeth noch mit halbwegs gutem Gewissen als Melodic Death Metal oder etwas in der Art einordnen, aber das greift schon lange nicht mehr. Death Metal mit Progressive Rock-, Jazz-, Krautrock- und Artrock-Elementen passt vielleicht halbwegs. Auf jeden Fall ist dies Progressive Metal, und zwar im positivsten Sinne des Wortes: musikalische Grenzenlosigkeit, technische Perfektion, Überraschungsmomente, komplexe Songstrukturen, Kreativität, all das sprudelt aus den Herren um Mastermind Mikael Akerfeldt nur so heraus. Ob das allen Fans gefällt wage ich zu bezweifeln, gerade Liebhaber der „alten Opeth“ werden sich, wie schon mit dem Vorgänger Ghost Reveries, schwer tun. Aber auch für diese Aussage würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, vielleicht gefällt es ja doch? Eins lässt sich jedoch sagen: dies ist ganz eindeutig Opeth. Es klingt wie Opeth, es fühlt sich an wie Opeth, und wenn man dran leckt schmeckt es sicher auch so. Aber genug der einleitenden Worte, gehen wir die Songs mal nach und nach durch.

Coil heißt der Opener, und anfangs war das Ganze für mich nicht mehr als ein mit 3 Minuten recht langes Intro. Akustikgitarren, sanfter, melancholischer Gesang, ein wenig Dramatik und vor allem eine Frau (die Freundin von Drummer Martin Axenrot, klingt meiner Meinung nach ein wenig wie eine der Damen bei Ayreons The Human Equation), die eine kurze Passage singt, als vollwertigen Opeth-Song habe ich das nicht angesehen. Aber je öfter ich den Song höre, desto schöner finde ich ihn. Ein echtes Kleinod, ein überraschender Einstieg in ein Opeth-Album, ein Song, der es verdient hat, als mehr als nur als Intro wahrgenommen zu werden. Weiter geht es mit dem ersten „richtigen“ Song, Heir Apparent. Schepperndes Drumming, schwere Gitarrenriffs, so muss das klingen. Kurz wird unterbrochen, Pianoklänge, dann kann’s losgehen. Und das tut es, das Tempo wird angezogen und Akerfeldts unvergleichlich genialer Growlgesang setzt ein. Auffallend ist hier direkt mal der weiter verstärkte Einsatz von Per Wibergs Synthesizer. Mir gefällt das sehr gut, eine sinnvolle Verstärkung des Opeth-Arsenals. Weiter fällt auf, wie synchron und aufeinander eingespielt Akerfeldt und der neue Gitarrist Fredrik Akesson (vormals Arch Enemy) agieren. Der Song wechselt öfter das Tempo, einige ruhige Passagen sind unter für Opeth-Verhältnisse äußerst flotte Abschnitte gemischt, so macht das Spaß. Eine Besonderheit: Akerfeldt singt bei diesem Song kein einziges Mal clean, es wird ausschließlich gegrunzt, trotz ruhiger Passagen. Mir fällt kein Opeth-Song ein, wo das sonst der Fall ist. Nächster Song, jetzt wird es abgefahren. The Lotus Eater ist beim ersten Hören ein kaum fassbares Chaos, aber richtig genial wenn man sich einmal reingehört hat. Nach kurzem, gesummten Intro wird losgerast und ja, Axenrot darf Blastbeats spielen, ein weiteres Novum bei Opeth. Während der Blastbeatpassagen singt Akerfeldt überraschenderweise clean, beim „normalen“ Drumming wird gegrowlt. Klasse. Erneut nehmen die Synthies eine mächtige Rolle ein, psychedelisch wabbern die Klänge teils ganz für sich alleine bevor wieder losgerast wird. Etwa bei Minute 3 wird es dann abgefahren, merkwürdige, gameboyartige Töne werden untergemischt, aber das wird im Laufe des Songs noch mehr. Erstmal kommt eine ruhige Passage mit sanften Klängen, fast meditativ. Ab Minute 5 klingt’s etwas bedrohlicher, eine disharmonische Gitarre leitet den wohl verrücktesten Opeth-Part ever ein. Jazz fast in Reinkultur ist da zu hören, aber wieder mit diesen Gameboy-Tönen. Gewöhnungsbedürftig, aber gut. Dann geht’s zurück in die normale Songstruktur, wenn man bei Opeth überhaupt von sowas sprechen kann, nach gut 9 Minuten ist der Spuk dann plötzlich vorbei. Weiter geht’s mit der Ballade Burden. Anfangs dachte ich: „Mein Gott, wie kitschig!“ 70er Schmalzrock/-prog vom feinster, aber fast schon zuviel Schmalz und Pathos. Aber auch diese Einschätzung hat sich etwas geändert, der Song hat einfach unheimlich viel Power und Emotionen („Drama Baby!“). Was Mikael Akerfeldt hier präsentiert, das konnten seine Heroen von Camel oder den Scorpions (ich konnte es kaum fassen, aber das sagt er in der beiliegenden Doku wirklich) auch nicht besser. Scheiß auf Wind of Change, hier kommt Burden. Teilweise erinnert der Song mich auch an Epitaph von King Crimson. Ein herausragendes Synthiesolo gibt es in der Mitte und am Ende ein fantastisches Gitarrensolo im Stile von Pink Floyd, beziehungsweise vier kurze Soli, Akerfeldt und Akesson wechseln sich ab um dann gemeinsam zweistimmig den Schluss zu spielen. Das erinnert stark an Floyds Comfortably Numb und ist wirklich klasse umgesetzt. Respekt, sowas hätte ich nicht erwartet. Der Song sei jedem Progrock-Fan, der nichts mit Metal anfangen kann, wärmstens empfohlen. Nervöses, disharmonisches Gitarrengeklimper und merkwürdiges Lachen leitet zum doomigen, düsteren Porcelain Heart über, der ersten Singleauskopplung. Die längere Albumversion ist deutlich stärker als die gekürzte Singleversion, trotzdem ist dies der Song, mit dem ich bisher am wenigsten warm geworden bin. Es wird ausschließlich clean gesungen, ruhige Passagen wechseln sehr gleichmäßig mit flotteren, aber auch die bleiben eher harmlos. Atmosphärisch ist der Song sehr dicht, wirklich begeistern kann er mich aber (noch) nicht. Das folgende, mit 11 Minuten längste Stück Hessian Peel dafür umso mehr. Den Song habe ich erst gar nicht verstanden, aber irgendwann hat es „Klick“ gemacht und momentan ist er eindeutig mein Favorit auf dem Album. Ein sehr ruhiger Einstieg, wunderschön, eine fantastische Gitarrenmelodie und wundervoller Gesang von Akerfeldt, der Typ hat auch im cleanen Bereich eine unglaubliche Stimme. Ab Minute 2 wird’s dann verstörend, nervöse Gitarren, rückwärts abgespulter Gesang (altes Rockklischee, ja, aber hier passt es einfach) und plötzlich setzt bei Minute 4 eine unglaublich wuchtige und bombastische Passage ein, die aber schnell einem „Ruhe vor dem Sturm“-Abschnitt weicht. Einzelne Pianotöne, dann ein zittriger Synthie, ein Basslauf und dann bricht auf einmal ein Sturm los. Wahnsinn, wo kam das jetzt her? Akerfeldts Guturalgesang ist ein Schlag ins Gesicht nach diesem Anfang. Am meisten begeistern mich hier jedoch die Gitarrenläufe, die so unheimlich synchron verlaufen. In der Rehearsal-Doku ist das auch echt toll anzusehen wie sich die Hände von Akerfeldt und Akesson absolut identisch auf den Gittarenhälsen entlang bewegen. So plötzlich wie er begann ist der Sturm auch wieder vorbei, nur um am Ende des Songs nochmal loszubrechen. Hier tauchen dann auch die verstörenden Töne aus The Lotus Eater im Hintergrund wieder auf. Der letzte Song, Hex Omega, beginnt druckvoll, aber so ganz erfasst habe ich den bisher noch nicht. Aber das geht mir mit den letzten Titeln auf Opeth-Alben immer so, Blackwater Park z.B. hat auch lange gebraucht bis es zündete. Auf den druckvollen Anfang folgt eine ruhige Unterbrechung, dann wird’s wieder etwas bombastischer, immer im Wechsel. Den Ausklang des Albums verursacht dann eine sehr düstere, schleppende Passage, wie der Anfang von Heir Apparent. Und das war’s dann. Puh, ein ganz schöner Brocken, so sitzt man nach konzentriertem Hören erstmal da.

Eine ganze Menge Text, aber kommen wir nun mal zum Fazit. Wenn nicht viel passiert wird Watershed wohl mein persönliches Album des Jahres. Ja, es ist schwer verdaulich. Aber gerade das macht es so großartig. Ich schätze, ich werde noch eine Menge Spaß mit diesem Album haben, es gibt da noch viel zu entdecken, und das ist es, was ein gutes Album ausmachen sollte. Es muss nicht beim ersten Hören „Klick“ machen. Wenn das nach und nach passiert ist es auch gut. Opeth beweisen jedenfalls mal wieder, dass sie eine wahrhaft progressive Band sind. Sie sind nicht selbstreferentiell und repetativ wie große Teile der Progressive Metal-Szene, sie sind wirklich innovativ und mutig, und das ist einfach großartig.

Die Special Edition gibt es mit DVD inklusive Doku über die Rehearsal-Sitzungen, Interviews mit der Band, dem kompletten Album als 5.1-Mix und drei Bonustracks, die ich allerdings noch nicht oft gehört habe, um mir eine Meinung drüber bilden zu können.

4 Antworten zu „Opeth – Watershed“

  1. Live und in Farbe « Philipp Henn’s Weblog sagt:

    [...] Und am 10.12.08: Opeth in Köln (Live Music Hall)! Hell yeah, freu mich auf die Songs des neuen Albums. [...]

  2. Opeth in Köln « Philipp Henn’s Weblog sagt:

    [...] in Köln By Philipp Henn Meine Lieblingsband, phantastisches neues Album, Pflichttermin gestern in der Kölner Live Music [...]

  3. 2008 « Philipp Henn’s Weblog sagt:

    [...] Opeth – Watershed: Klarer Sieger. Sicher nicht das beste Opeth-Album; Knallern wie The Lotus Eater oder Hessian Peel stehen eher mäßig begeisternde Nummern wie Porcelain Heart oder Hex Omega entgegen. Aber auch ein mittelmäßiges Album der Schweden ist immer noch Welten besser als fast alles, was sonst so im Metal- oder Prog-Bereich veröffentlicht wird. Opeth beherrschen nunmal die große Kunst, sich immer wieder neu zu erfinden und trotzdem immer sie selbst zu bleiben. Und auch der Wechsel zu einem Major-Label hat die Kreativität in keinster Weise gebremst, im Gegenteil, Opeth sind und bleiben unkonventionell und nicht massenkompatibel. [...]

  4. Gojira - The way of all flesh « Philipp Henn’s Weblog sagt:

    [...] Doch nach erneuter Heavy Rotation in den letzten Wochen würde ich ihm jetzt fast den Vorzug vor Opeth’ Watershed geben. Und auch meine anfängliche Meinung, dass The way of all flesh nicht ganz an den genialen [...]

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