Archiv für April 2009

Endlich behauptet: Christen sind die wahren Juden

April 15, 2009

Zwei Mal habe ich mich in letzter Zeit schon über die katholische Kirche aufgeregt: zunächst hatte Papst Benedikt XVI. der erzkonservativen Piusbruderschaft die Rückkehr in die Kirche angeboten, dann hatte er behauptet, Kondome verschlimmerten die AIDS-Katastrophe nur noch. In seiner Osterpredigt hat der Augsburger Bischof Walter Mixa nun vergangene Woche wieder Sachen von sich gegeben, die mich ehrlich fassungslos zurücklassen.

„Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen“, sagte Mixa. „Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet.“ Er sieht im Atheismus also eine Ursache für Diktaturen verschiedener Couleur? Selbst wenn man einmal völlig davon absieht, wie unzählig viele Menschen in der Geschichte der Menschheit im Namen Gottes (oder verschiedener Götter) umgebracht wurden, ist diese Bemerkung meiner Meinung nach völliger Schwachsinn. Ist es nicht eher so, dass Diktatoren allgemein nicht viel von der Kirche halten können/dürfen, da eine mächtige Institution neben ihrem Apparat ihnen nur schadet? Atheismus müsste demnach eine Folge von Faschismus oder Kommunismus sein, nicht aber eine Ursache. Oder sehe ich das so völlig falsch?

Aber Mixa legte noch nach. In Systemen wie dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus seien Christen immer besonders verfolgt worden. In Hinblick auf die Judenverfolgung ist diese Bemerkung meiner Meinung nach eine Unverschämtheit. Zwar sind im dritten Reich auch Christen verfolgt worden, aber meines Wissens nach nicht grundsätzlich wegen ihrer Religionszugehörigkeit – anders als die Juden, die als Volk völlig ausgelöscht werden sollten – sondern weil sie sich nicht bedingungslos unterordnen wollten.

Ich weiß nicht, ob ich in letzter Zeit besonders empfindlich bin, aber irgendwie habe ich den Eindruck, als bemühten sich die katholische Kirche und ihre Oberen in letzter Zeit, jedes denkbare Fettnäpfchen mitzunehmen. Woran das liegen mag, verschließt sich mir völlig. Vielleicht ist es Penisneid dem Islam gegenüber, da einige wenige Muslime in den letzten Jahren massiv die Sau rausgelassen haben, und die alten Herren an der Spitze der katholischen Kirche insgeheim auch gerne wieder Macht durch die Verbreitung von Angst und Schrecken erlangen würden? Jedenfalls bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mich der Gedanke, diesem Verein anzugehören (wenn auch nur durch Taufe, gegen die ich mich nicht wehren konnte – den ganzen anderen Kram habe ich nicht mit mir machen lassen), ernsthaft beschämt und ich erwäge, formal aus der Kirche auszutreten, nur um mein Gewissen nicht weiter zu beschmutzen. Vielen Dank dafür.

Pure Reason Revolution – Amor Vincit Omnia

April 12, 2009

amorNoch unter dem Eindruck des fantastischen Konzerts am vergangenen Donnerstag wird es Zeit für eine Rezension des großartigen zweiten Albums der britischen Band Pure Reason Revolution. Immerhin drei Jahre haben sich Jon Courtney, Chloe Alper, Jamie Willcox und Paul Glover Zeit gelassen, um den Nachfolger ihres 2006 erschienenen Erstlings The Dark Third vorzulegen. The Dark Third war und ist für mich das wohl beste Debütalbum aller Zeiten, höchstens Disillusions Back to Times of Splendor könnte da noch ranreichen. Der feine Prog/Art-Rock von The Dark Third begeistert mich auch heute noch mit seinen Ohrwurmmelodien, den überraschend harschen und grungigen Gitarrenausbrüchen, dem spannungsgeladenen Aufbau der Songs und vor allem dem Quasi-Markenzeichen der Band, dem großartig arrangierten und mit unglaublicher Detailverliebtheit abgemischten polyphonen Gesang. Bis zu 60 (!) Tonspuren für den Gesang verwendeten Pure Reason Revolution auf ihrem Debüt. Aber auch live setzen sie das, natürlich in sehr reduzierter Form und unter Einsatz einiger Samples, hervorragend um.

Das zweite Album ließ also lange auf sich warten. Aber zum Glück spielten die Briten einige neue Songs seit 2007 schon live, so dass keine Befürchtungen aufkamen, das neue Werk könnte in irgend einer Weise enttäuschen. Und das tat es, als ich es im März erstmals in Händen hielt, auch absolut nicht. Und das obwohl sich Pure Reason Revolution stilistisch ziemlich stark weiterentwickelt haben. Der Anteil an klassischem Prog/Art-Rock im Stile von Pink Floyd wurde zurückgefahren, dafür setzen Pure Reason Revolution vermehrt Elemente elektronischer Musik ein. So gut kenne ich mich in diesen Gefilden nicht aus, aber spontan kommen mir Bands wie Radiohead, mit Abstrichen Muse, aber auch Kraftwerk oder Depeche Mode in den Sinn.

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