In der SZ behauptet eine Überschrift auf der Titelseite noch über dem Bruch heute: „Werbung treibt Jugendliche zum Komasaufen“ (Online-Artikel). Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat demnach eine Studie durchgeführt, in der ermittelt wurde, wie gut Kinder und Jugendliche Alkoholwerbung erkennen könnten. Außerdem wurden sie nach ihrem Alkoholkonsum befragt. Das Ergebnis: je mehr der Plakate oder Standbilder aus TV-Spots die Kinder und Jugendlichen erkennen, desto höher ist auch ihr Alkoholkonsum. Daraus schlussfolgert der Studienleiter Reiner Hanewinkel: „Es ergibt sich ein ganz klarer Zusammenhang zwischen Werbekonsum und exzessivem Trinken.“ Nun, der Zusammenhang mag ja „klar“ sein, aber ist er auch kausal? Bewirkt Werbekonsum wirklich exzessives Trinken? Die Medienwirkungsvorstellung, die hier angelegt wird ist die, welche die Werbewirtschaft gerne hätte: Stimulus-Response oder Hypodermic Needle, sprich, die Werbebotschaft (Stimulus) löst direkt einen gewollten Effekt (Response) aus, geht direkt unter die Haut. Die Medienwirkungsforschung ist aber eigentlich auf dem Stand, dass dieses Bild absolut nicht haltbar ist. Zu viele andere Faktoren spielen neben dem Medienstimulus eine Rolle, so dass dieser höchstens eine von vielen Variablen ist.
Mich würde interessieren, ob hier auch mal an Kontrollvariablen gedacht wurde. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass das Alter eine Rolle spielt. Je älter der Jugendliche, desto mehr Alkoholwerbung sieht er, nimmt er wahr und lernt er. Und je älter der Jugendliche, desto mehr Alkohol trinkt er. Auch der sozio-ökonomische Status könnte eine Rolle spielen. Jugendliche aus sozio-ökonomisch niedrig gestellten Haushalten sehen mehr fern und trinken mehr Alkohol wäre so eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben die Forscher dies auch bedacht, und nur in der Präsentation ihrer Ergebnisse verschwiegen, weil sich eine Story, so wie sie jetzt in der SZ steht, viel besser verkaufen lässt. Und weil sich dann die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing hinstellen und einen weiteren Akt von Symbolpolitik fordern kann, nämlich eine Einschränkung der Alkoholwerbung.
Nicht missverstehen: vielleicht ist an den Ergebnissen wirklich was dran, ich habe ja nichtmal in die Studie geguckt. Aber „Ergebnisse“ wie dieses müssen halt stutzig machen. Außerdem hätte ich nicht unbedingt etwas gegen ein Werbeberbot für Alkohol. Ich habe nur etwas dagegen zu glauben, dass ein solches Werbeverbot das Problem von „Komasaufen“ und „exzessivem Alkoholkonsum“ beheben könnte.
Ach ja, und noch zum „exzessiven Alkoholkonsum“. Das stört mich schon eine ganze Weile. Laut Definition des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung ist exzessiver Trinker, wer in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal mehr als fünf Gläser Alkohol konsumiert hat. Ich also definitiv. Und natürlich eine ganze Menge anderer Jugendlicher und junger Erwachsener. Aber: was ist Alkohol? Ob ich fünf 0,2er Gläser Bier oder fünf 0,5er Cocktails trinke ist ein gewaltiger Unterschied. Und auch das Alter spielt eine Rolle. Für einen 18jährigen Jungen sind fünf Gläser Bier etwas völlig anderes als für ein 13jähriges Mädchen. Solche Kategorien sind schwachsinnig. Ich will gerade die Anzahl in Krankenhäuser eingelieferter „Alkoholleichen“ nicht kleinreden, aber was hier propagiert wird, das ist Panikmache und Symbolpolitik.
Nachtrag: Ich habe gerade in die Studie geschaut. Tatsächlich wurde auf Variablen wie Alter und sozio-ökonomischer Status kontrolliert. Die Autoren sehen aber auch unter Kontrolle immer noch einen Zusammenhang:
„Auch nach statistischer Kontrolle einer Reihe von Alternativerklärungen ist die Chance für Lebenszeit und aktuellen Konsum sowie „Binge-Drinking“ in der Gruppe mit dem höchsten Werbekontakt in etwa verdoppelt im Vergleich zur Gruppe mit dem niedrigsten Kontakt mit Alkoholwerbung.“
Aber der nächste Satz lautet: „Querschnittliche Analysen allein erlauben allerdings keine zweifelsfreie Bestätigung eines kausalen Zusammenhangs.“ Und das ist wichtig. Ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch lange nicht, dass auch ein kausaler Zusammenhang vorliegt, schon gar nicht mit Werbekonsum als ursächlicher Variable für Alkoholkonsum. Die Studie selber liest sich selbstverständlich wesentlich weniger aufgeregt als die Berichterstattung oder die Statements der Bundesdrogenbeauftragten. Ich bleibe also dabei: was hier betrieben wird, ist hauptsächlich Symbolpolitik.
Nachtrag 2: Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen der Studie aufgefallen ist, ist deren völlige Theorielosigkeit. Es wird ein statistischer Zusammenhang erkannt, so weit, so gut. Aber dann wird eine kausale Wirkung behauptet, die absolut nicht begründet wird. Warum und vor allem wie beeinflusst Werbung denn das Verhalten Jugendlicher dahingehend, dass sie mehr Alkohol konsumieren? Was die Autoren der Studie hier machen, will ich an folgendem Beispiel verdeutlichen: Ich rolle einen Gegenstand über eine Tischkante, beobachte, dass der Gegenstand zu Boden fällt, und behaupte dann, unsichtbare Geister seien für diesen Vorgang verantwortlich. Dies begründe ich nicht weiter, ich behaupte es einfach. Genau so machen die Autoren das. Sie beobachten einen Zusammenhang und behaupten dann eine Ursache und eine Wirkung, ohne diese zu begründen. Manch einer mag zwar glauben, Sozial- oder Geisteswissenschaften kämen ohne Theorie aus, aber dem ist nicht so. Einfach etwas aufgrund einer Beobachtung zu behaupten ist unwissenschaftlich.
Über die Methodologie der Studie möchte ich mich jetzt gar nicht mehr auslassen, das würde den Rahmen sprengen. Nur soviel: zum heiklen Thema Alkohol Jugendliche im Klassenverband zu befragen, bei Anwesenheit der Lehrer, ist zumindest fragwürdig.