Archiv für Mai 2009

Trink!

Mai 13, 2009

In der SZ behauptet eine Überschrift auf der Titelseite noch über dem Bruch heute: „Werbung treibt Jugendliche zum Komasaufen“ (Online-Artikel). Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat demnach eine Studie durchgeführt, in der ermittelt wurde, wie gut Kinder und Jugendliche Alkoholwerbung erkennen könnten. Außerdem wurden sie nach ihrem Alkoholkonsum befragt. Das Ergebnis: je mehr der Plakate oder Standbilder aus TV-Spots die Kinder und Jugendlichen erkennen, desto höher ist auch ihr Alkoholkonsum. Daraus schlussfolgert der Studienleiter Reiner Hanewinkel: „Es ergibt sich ein ganz klarer Zusammenhang zwischen Werbekonsum und exzessivem Trinken.“ Nun, der Zusammenhang mag ja „klar“ sein, aber ist er auch kausal? Bewirkt Werbekonsum wirklich exzessives Trinken? Die Medienwirkungsvorstellung, die hier angelegt wird ist die, welche die Werbewirtschaft gerne hätte: Stimulus-Response oder Hypodermic Needle, sprich, die Werbebotschaft (Stimulus) löst direkt einen gewollten Effekt (Response) aus, geht direkt unter die Haut. Die Medienwirkungsforschung ist aber eigentlich auf dem Stand, dass dieses Bild absolut nicht haltbar ist. Zu viele andere Faktoren spielen neben dem Medienstimulus eine Rolle, so dass dieser höchstens eine von vielen Variablen ist.

Mich würde interessieren, ob hier auch mal an Kontrollvariablen gedacht wurde. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass das Alter eine Rolle spielt. Je älter der Jugendliche, desto mehr Alkoholwerbung sieht er, nimmt er wahr und lernt er. Und je älter der Jugendliche, desto mehr Alkohol trinkt er. Auch der sozio-ökonomische Status könnte eine Rolle spielen. Jugendliche aus sozio-ökonomisch niedrig gestellten Haushalten sehen mehr fern und trinken mehr Alkohol wäre so eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben die Forscher dies auch bedacht, und nur in der Präsentation ihrer Ergebnisse verschwiegen, weil sich eine Story, so wie sie jetzt in der SZ steht, viel besser verkaufen lässt. Und weil sich dann die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing hinstellen und einen weiteren Akt von Symbolpolitik fordern kann, nämlich eine Einschränkung der Alkoholwerbung.

Nicht missverstehen: vielleicht ist an den Ergebnissen wirklich was dran, ich habe ja nichtmal in die Studie geguckt. Aber „Ergebnisse“ wie dieses müssen halt stutzig machen. Außerdem hätte ich nicht unbedingt etwas gegen ein Werbeberbot für Alkohol. Ich habe nur etwas dagegen zu glauben, dass ein solches Werbeverbot das Problem von „Komasaufen“ und „exzessivem Alkoholkonsum“ beheben könnte.

Ach ja, und noch zum „exzessiven Alkoholkonsum“. Das stört mich schon eine ganze Weile. Laut Definition des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung ist exzessiver Trinker, wer in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal mehr als fünf Gläser Alkohol konsumiert hat. Ich also definitiv. Und natürlich eine ganze Menge anderer Jugendlicher und junger Erwachsener. Aber: was ist Alkohol? Ob ich fünf 0,2er Gläser Bier oder fünf 0,5er Cocktails trinke ist ein gewaltiger Unterschied. Und auch das Alter spielt eine Rolle. Für einen 18jährigen Jungen sind fünf Gläser Bier etwas völlig anderes als für ein 13jähriges Mädchen. Solche Kategorien sind schwachsinnig. Ich will gerade die Anzahl in Krankenhäuser eingelieferter „Alkoholleichen“ nicht kleinreden, aber was hier propagiert wird, das ist Panikmache und Symbolpolitik.

Nachtrag: Ich habe gerade in die Studie geschaut. Tatsächlich wurde auf Variablen wie Alter und sozio-ökonomischer Status kontrolliert. Die Autoren sehen aber auch unter Kontrolle immer noch einen Zusammenhang:

„Auch nach statistischer Kontrolle einer Reihe von Alternativerklärungen ist die Chance für Lebenszeit und aktuellen Konsum sowie „Binge-Drinking“ in der Gruppe mit dem höchsten Werbekontakt in etwa verdoppelt im Vergleich zur Gruppe mit dem niedrigsten Kontakt mit Alkoholwerbung.“

Aber der nächste Satz lautet: „Querschnittliche Analysen allein erlauben allerdings keine zweifelsfreie Bestätigung eines kausalen Zusammenhangs.“ Und das ist wichtig. Ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch lange nicht, dass auch ein kausaler Zusammenhang vorliegt, schon gar nicht mit Werbekonsum als ursächlicher Variable für Alkoholkonsum. Die Studie selber liest sich selbstverständlich wesentlich weniger aufgeregt als die Berichterstattung oder die Statements der Bundesdrogenbeauftragten. Ich bleibe also dabei: was hier betrieben wird, ist hauptsächlich Symbolpolitik.

Nachtrag 2: Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen der Studie aufgefallen ist, ist deren völlige Theorielosigkeit. Es wird ein statistischer Zusammenhang erkannt, so weit, so gut. Aber dann wird eine kausale Wirkung behauptet, die absolut nicht begründet wird. Warum und vor allem wie beeinflusst Werbung denn das Verhalten Jugendlicher dahingehend, dass sie mehr Alkohol konsumieren? Was die Autoren der Studie hier machen, will ich an folgendem Beispiel verdeutlichen: Ich rolle einen Gegenstand über eine Tischkante, beobachte, dass der Gegenstand zu Boden fällt, und behaupte dann, unsichtbare Geister seien für diesen Vorgang verantwortlich. Dies begründe ich nicht weiter, ich behaupte es einfach. Genau so machen die Autoren das. Sie beobachten einen Zusammenhang und behaupten dann eine Ursache und eine Wirkung, ohne diese zu begründen. Manch einer mag zwar glauben, Sozial- oder Geisteswissenschaften kämen ohne Theorie aus, aber dem ist nicht so. Einfach etwas aufgrund einer Beobachtung zu behaupten ist unwissenschaftlich.

Über die Methodologie der Studie möchte ich mich jetzt gar nicht mehr auslassen, das würde den Rahmen sprengen. Nur soviel: zum heiklen Thema Alkohol Jugendliche im Klassenverband zu befragen, bei Anwesenheit der Lehrer, ist zumindest fragwürdig.

Die Qual der Wahl

Mai 9, 2009

Da ich am 07.06. wahrscheinlich nicht nach Aachen fahren kann, habe ich für die Europawahl zum ersten Mal Briefwahl beantragt. Heute sind die Unterlagen angekommen und zum ersten Mal habe ich mir, anders als sonst in der Wahlkabine, wirklich die Zeit genommen und mir alle 31 zur Wahl stehenden Parteien genau durchgelesen. Und musste teilweise laut lachen. Ganz im Sinne Anthony Downs habe ich mir als rationaler Wähler zur Erlangung der vollständigen Information die Parteien und ihre Ziele im Internet angeschaut, obwohl meine Entscheidung eigentlich schon steht.

CDU (Christlich Demokratische Union Deutschlands): Die Christdemokraten treten als einzige mit einer Liste für NRW, nicht mit einer gemeinsamen Liste für alle Länder an. Sie wollen sich für eine stabile Währung, Wirtschaftswachstum und sichere Arbeitsplätze einsetzen (ach, wirklich?) und lehnen eine Vollmitgliedschaft der Türkei ab (ach, wirklich?). Sollte die Union bei der Wahl gewinnen (?), will sie laut Generalsekretär Ronald Pofalla den künftigen deutschen Kommissar stellen. Er übersieht aber scheinbar, dass, sollte der neue EU-Vertrag angenommen werden, erstens nach dem Rotationsprinzip ab und zu Deutschland gar keinen Kommissar stellen darf und dass zweitens die Kommissare „unabhängig“ sein sollen. Ob das auf ein Parteimitglied zutrifft muss sich dann wohl erst noch zeigen.

SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands): Die SPD, die zur Zeit mit einer selten dämlichen Plakatkampagne gegen sich selber wirbt, will mit Europa klare Regeln für die Finanzmärkte und neue Arbeitsplätze schaffen, Lohndumping verhindern, durch Geld für Bildung, Innovation und Forschung in die Zukunft investieren, für Umweltschutz sorgen und weltweit für Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit eintreten. Nicht wirklich überraschend, aber alles andere wäre ja auch eine Überraschung gewesen.

GRÜNE (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Grünen wollen WUMS. WUMS? Ja, WUMS. „Wirtschaft und Umwelt, menschlich und sozial“. Nun ja, blöder, pseudocooler Slogan, aber wählen werde ich sie wohl trotzdem. Spitzenkandidaten sind übrigens die Rebecca und der Reinhard. So voll bürgernah und so!

FDP (Freie Demokratische Partei): Auch die Liberalen überraschen höchstens mit einem umständlichen Weg, bis man mal bei ihren Europawahlzielen angekommen ist: Freiheit (der urliberale Wert!), Marktwirtschaft und Bürgerrechte heißen die Schlagworte. Wahlkampftechnisch macht man voll auf Obama, angefangen vom Layout der Homepages, dem Mitmach- und Spendenaspekt bis zur Konzentration auf die Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin.

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Kein Spiel mehr

Mai 8, 2009

Die große Koalition hat sich auf eine Verschärfung des Waffenrechts verständigt. Doch anstatt den Privatbesitz von Waffen einzuschränken, will man unangekündigte Kontrollen bei Waffenbesitzern einführen … und Spiele wie Paintball/Gotcha und Lasergame verbieten (wobei das nicht ganz richtig ist, da Lasergame bereits verboten ist). Und damit beweist die Politik mal wieder, dass sie a) kein Interesse daran hat, die Waffenlobby zu verärgern, und b) die Bürger auf den Arm nehmen will.

Bei Freizeitaktivitäten wie Paintball würde das Töten simuliert, so der Unionsfraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach. Und das, so wahrscheinlich die weitere Überlegung, könne zu Amokläufen führen. Ein Gewaltforscher der Uni Münster, der gestern im Fernsehen dazu interviewt wurde, ist da anderer Meinung. Er sagte, Spiele wie Paintball seien Mannschaftsspiele, Amokläufer aber Einzelgänger. Deswegen sei es nicht wahrscheinlich, dass sich amokgefährdete Jugendliche ausgerechnet Paintball als Training suchten. Und mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass der Mann Recht hat. Paintball habe ich noch nicht gespielt, wohl aber Lasergame (in Holland). Ein Alleingang ist in solchen Spielen sinnfrei, man muss als Mannschaft vorgehen. Im übrigen habe ich damals keinen Funken Aggression oder Frust verspürt, sondern einfach eine Menge Spaß gehabt. Die Gruppendynamik bei solchen Teamspielen, so der Gewaltforscher weiter, würde eher für einen Aggressionsabbau sorgen.

Von einem Verbot von Spielen wie Paintball ist der Schritt zum Verbot „Killerspielen“ am PC natürlich nicht mehr weit. Erstaunlich, dass trotzdem zuerst die „Real Life“-Varianten verboten werden, ist doch soweit ich weiß von keinem Amokläufer bekannt, dass er sowas spielte.

Wenn man die Überlegungen der Koaltion weiterführt, müsste man dann nicht auch Kindern verbieten mit Spielzeugpistolen, ob gekauft oder selber gebastelt, Räuber und Gendarme oder Cowboy und Indianer zu spielen? Immerhin geht es da auch ums Töten und es gibt meistens keine Schiedsrichter, wie das bei Paintball der Fall ist. Und was ist mit der Bundeswehr? Ist das nicht der größte „wir bringen euch das Töten bei“-Verein im Lande? Bei Paintballspielen in Deutschland ist Tarnkleidung oder Uniformierung übrigens verboten. Eigentlich kann man über diese Politik nur noch lachen, alles andere ist zu frustrierend.

Nachtrag 14.05.09: Na sieh mal einer an: auf einmal hat sich die Große Koalition entschieden, Paintball vorerst doch nicht zu verbieten. Da scheint den Damen und Herren bewusst geworden zu sein, dass ihr Vorschlag wohl doch nicht so gut beim Volk ankommt. Man wisse noch nicht genug darüber, wie gefährlich das Spiel wirklich sei, so ein CDU-Innenpolitiker. Ach, dass sich die Damen und Herren mit der Materie gar nicht wirklich befasst haben und einfach mal vorschnell ein Verbot vorgeschlagen haben, damit hätte ich ja jetzt kaum gerechnet.