Archiv für die Kategorie ‘Alltag’

Skandalös tendenziös

Juli 27, 2009

Vor zwei Wochen fand die konstituierende Sitzung des neu gewählten Studierendenparlamentes statt. Eine Koalition aus Juso HSG, LHG und Multi-Kulti-HSG stellt nun, unter Duldung von RCDS und Die Partei HSG, den AStA. Neuer AStA-Vorsitzender ist Andreas Jentsch von der Juso HSG.

Bisher habe ich das Ganze nicht kommentiert, da ich als Mitglied des Wahlausschusses neutral bleiben wollte. Das ist aber nun vorbei, die Wahl ist gelaufen, und eine Kleinigkeit möchte ich anmerken.

Nicht die Tatsache, dass die neue Koalition versucht hat, fast jede Aussprache in der Sitzung durch Anträge auf Schluss der Rednerliste ganz am Anfang von Tagesordnungspunkten, Begrenzung der Redezeit auf 1 Minute usw. zu verhindern (was man für undemokratisch halten könnte). Auch nicht die Tatsache, dass die Fachschaftenliste, die die meisten Sitze im SP erhielt, nicht an der AStA-Koalition beteiligt wurde (was meiner Ansicht nach aber vertretbar ist). Und auch nicht den kleinen Nazi-Skandal, den ein Mitglied der Partei HSG verursachte, der Liste, die den neuen SP-Präsidenten stellt (da war ich allerdings schon nicht mehr da). Nein, mir geht es um eine kleine Bemerkung, die dem – da noch aktiven, jetzt ehemaligen – „Chefredakteuer“ (ViSdP) der Campus Delicti an den Kopf geworfen wurde.

Dieser stellte nämlich dem AStA-Vorsitz-Kandidaten einige kritische Fragen, was den zukünftigen Umgang mit dem Pressereferat anging, worauf er von Seiten der neuen Koalition als „Tendenzjournalist“ bezeichnet wurde. Und das ist interessant. Ich möchte gar nicht behaupten, dass der entsprechende Redakteur seine Fragen nicht leicht „parteiisch“ stellte. Immerhin verlor er gerade seinen Job. Die Campus Delicti selber war aber meinem Empfinden nach in der letzten Legislaturperiode alles andere als parteiisch. Nicht nur war der ViSdP listenlos, auch war noch kürzlich ein Interview mit den ehemaligen AStA-Vorsitzenden Rainer Matheisen (LHG) und Philipp Tacer (Juso HSG) in der Zeitung, welche damals noch in der Opposition waren und trotzdem eines ihrer Projekte (die Initiative „Studenten für Düsseldorf“) vorstellen konnten. Aber darum geht es eigentlich gar nicht. Es geht darum, dass die ehemalige Opposition, jetzt wieder Koalition, sich scheinbar selber nie darum scherte, ob Journalisten tendenziös berichteten, insbesondere, wenn es zu ihren Gunsten geschah. Denn zwischen Juso HSG/LHG und einer Redakteurin der Westdeutschen Zeitung (WZ) scheint eine sehr enge Beziehung zu bestehen. So berichtete die WZ-Redakteurin im vergangenen Jahr mehrfach negativ über den damaligen Fachschaftenliste-AStA und insbesondere über den Vorsitzenden Dennis Heckendorf. Dabei gab sich die gute Dame Mühe, nicht einmal den Anschein zu erwecken, sie betreibe objektiven, unparteiischen Journalismus. Und auch nach der Wahl wurde von ihr noch nachgetreten. Die WZ veröffentlichte nämlich eine Meldung mit dem Wahlergebnis. Anstatt sich aber an die journalistisch gebotene Trennung von Meldung und Meinung zu halten, erwähnte die Redakteurin auch noch die genaue Stimmzahl Heckendorfs. Diese sei extrem niedrig (stimmt), was zeige, wie gering sein Rückhalt in der Studierendenschaft sei. Sie erwähnte dabei nicht, dass ein anderes Mitglied der Fachschaftenliste die meisten Stimmen auf sich vereinte, und das die ehemalige stellvertretende AStA-Vorsitzende Hanna Schade die drittmeisten Stimmen (nach Andreas Jentsch) erhielt. Auch die Informationsquelle der Redakteurin kann eigentlich nur ein Mitglied der neuen AStA-Koalition sein, denn der Wahlausschuss hat das Ergebnis nicht an sie weitergegeben, bei der öffentlichen Auszählung der Stimmen war sie (meines Wissens nach, und ich kenne die Dame vom Sehen und einem kurzen Gespräch bei einer anderen Gelegenheit) nicht anwesend und auf der Homepage des AStA wurden nur die Listenergebnisse veröffentlicht, nicht die Stimmergebnisse der einzelnen Kandidaten (die Meldung scheint mittlerweile aber ganz verschwunden zu sein).

Und als sei Negativpresse über den alten AStA noch nicht genug, bietet die WZ auch der neuen und vorigen Koalition immer mal wieder eine Plattform. Am 10.07. noch gab es eine ganze Doppelseite über studentisches Leben in Düsseldorf. Und auffallend viele der dort präsentierten Studierenden waren Mitglieder von Juso HSG oder LHG. Mit dabei unter anderem: die ehemaligen AStA-Vorsitzenden Matheisen und Tacer, in einem Artikel über ein bei Studenten angeblich beliebtes Restaurant (beide treten übrigens bei den Kommunalwahlen für FDP bzw. SPD an und durften in einem Extra-Kasten noch für ihre Initiative werben); Robin Teller, neues Mitglied der Campus Delicti-Redaktion und Düsseldorfer Juso-Pressesprecher/-Vorstandsmitglied, in einem Artikel über den „Treffpunkt Tiefkühltheke“; Andreas Jentsch, neuer AStA-Vorsitzender, in einem Artikel über das Leben im Wohnheim. Sehr repräsentativ für die Düsseldorfer Studierendenschaft, in der Tat.

Man sieht also: Tendenzjournalismus scheint nur dann schlecht zu sein, wenn er sich tendenziell gegen den Kritiker des Tendenzjournalisten richtet. Ansonsten ist Tendenzjournalismus tendenziell ne tolle Sache.

(Ich weiß, dass das gerade im Lokaljournalismus nunmal so läuft. Nicht schön, aber nun ja … Trotzdem finde ich es verlogen, jemandem Tendenzjournalismus vorzuwerfen, und dabei selber fett davon zu profitieren.)

Nachtrag 28.07.09: Thomas aus dem ehemaligen AStA-Vorstand hat sich der merkwürdig parteiischen „Berichterstattung“ der WZ in seinem Blog noch wesentlich ausführlicher gewidmet. Interessant!

Munteres Behaupten

Juni 4, 2009

Eigentlich finde ich ja Kritik an Religion und Kirchen gut. Die atheistisch/säkulare Buskampagne, die ihren Ursprung in Großbritannien hatte, halte ich auch grundsätzlich für eine gute Idee. Oft genug stören mich christliche Werbebotschaften auf der Straße, ein bißchen kreative Gegenwehr von Nichtgottesgläubigen ist da nötig. In der Uni ist mir aber jetzt folgendes Plakat der Kampagne übel aufgestoßen:

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Der gute Vorsatz in Ehren, aber auch die Menschenrechte sind kein Naturphänomen, keine galaktische Konstante, keine Fakten, nicht „real“ … wie sinnvoll und wichtig sie auch immer sein mögen. Menschenrechte sind – genau wie Religionen und (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) Gott – eine menschliche Erfindung. Und dazu noch eine, um die sich leider viel zu viele Menschen immer noch einen Dreck scheren. Und obwohl es eigentlich wichtig ist, die Bedeutung der Menschenrechte immer und immer wieder zu erwähnen, hat es meiner Ansicht nach einen faden Beigeschmack, sie quasi gegen Gottesglauben ins Feld zu führen, indem man das macht, was Gottesgläubige auch machen, nämlich einfach mal so eine Realitätsbehauptung aufzustellen. Wenn, dann müsste man wohl sagen, die Menschenrechte seien irreal, denn es gibt so viele Verstöße gegen diese Rechte, dass sie wohl leider eher Ausnahme als Regel sind.

Trink!

Mai 13, 2009

In der SZ behauptet eine Überschrift auf der Titelseite noch über dem Bruch heute: „Werbung treibt Jugendliche zum Komasaufen“ (Online-Artikel). Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) hat demnach eine Studie durchgeführt, in der ermittelt wurde, wie gut Kinder und Jugendliche Alkoholwerbung erkennen könnten. Außerdem wurden sie nach ihrem Alkoholkonsum befragt. Das Ergebnis: je mehr der Plakate oder Standbilder aus TV-Spots die Kinder und Jugendlichen erkennen, desto höher ist auch ihr Alkoholkonsum. Daraus schlussfolgert der Studienleiter Reiner Hanewinkel: „Es ergibt sich ein ganz klarer Zusammenhang zwischen Werbekonsum und exzessivem Trinken.“ Nun, der Zusammenhang mag ja „klar“ sein, aber ist er auch kausal? Bewirkt Werbekonsum wirklich exzessives Trinken? Die Medienwirkungsvorstellung, die hier angelegt wird ist die, welche die Werbewirtschaft gerne hätte: Stimulus-Response oder Hypodermic Needle, sprich, die Werbebotschaft (Stimulus) löst direkt einen gewollten Effekt (Response) aus, geht direkt unter die Haut. Die Medienwirkungsforschung ist aber eigentlich auf dem Stand, dass dieses Bild absolut nicht haltbar ist. Zu viele andere Faktoren spielen neben dem Medienstimulus eine Rolle, so dass dieser höchstens eine von vielen Variablen ist.

Mich würde interessieren, ob hier auch mal an Kontrollvariablen gedacht wurde. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass das Alter eine Rolle spielt. Je älter der Jugendliche, desto mehr Alkoholwerbung sieht er, nimmt er wahr und lernt er. Und je älter der Jugendliche, desto mehr Alkohol trinkt er. Auch der sozio-ökonomische Status könnte eine Rolle spielen. Jugendliche aus sozio-ökonomisch niedrig gestellten Haushalten sehen mehr fern und trinken mehr Alkohol wäre so eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben die Forscher dies auch bedacht, und nur in der Präsentation ihrer Ergebnisse verschwiegen, weil sich eine Story, so wie sie jetzt in der SZ steht, viel besser verkaufen lässt. Und weil sich dann die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing hinstellen und einen weiteren Akt von Symbolpolitik fordern kann, nämlich eine Einschränkung der Alkoholwerbung.

Nicht missverstehen: vielleicht ist an den Ergebnissen wirklich was dran, ich habe ja nichtmal in die Studie geguckt. Aber „Ergebnisse“ wie dieses müssen halt stutzig machen. Außerdem hätte ich nicht unbedingt etwas gegen ein Werbeberbot für Alkohol. Ich habe nur etwas dagegen zu glauben, dass ein solches Werbeverbot das Problem von „Komasaufen“ und „exzessivem Alkoholkonsum“ beheben könnte.

Ach ja, und noch zum „exzessiven Alkoholkonsum“. Das stört mich schon eine ganze Weile. Laut Definition des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung ist exzessiver Trinker, wer in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal mehr als fünf Gläser Alkohol konsumiert hat. Ich also definitiv. Und natürlich eine ganze Menge anderer Jugendlicher und junger Erwachsener. Aber: was ist Alkohol? Ob ich fünf 0,2er Gläser Bier oder fünf 0,5er Cocktails trinke ist ein gewaltiger Unterschied. Und auch das Alter spielt eine Rolle. Für einen 18jährigen Jungen sind fünf Gläser Bier etwas völlig anderes als für ein 13jähriges Mädchen. Solche Kategorien sind schwachsinnig. Ich will gerade die Anzahl in Krankenhäuser eingelieferter „Alkoholleichen“ nicht kleinreden, aber was hier propagiert wird, das ist Panikmache und Symbolpolitik.

Nachtrag: Ich habe gerade in die Studie geschaut. Tatsächlich wurde auf Variablen wie Alter und sozio-ökonomischer Status kontrolliert. Die Autoren sehen aber auch unter Kontrolle immer noch einen Zusammenhang:

„Auch nach statistischer Kontrolle einer Reihe von Alternativerklärungen ist die Chance für Lebenszeit und aktuellen Konsum sowie „Binge-Drinking“ in der Gruppe mit dem höchsten Werbekontakt in etwa verdoppelt im Vergleich zur Gruppe mit dem niedrigsten Kontakt mit Alkoholwerbung.“

Aber der nächste Satz lautet: „Querschnittliche Analysen allein erlauben allerdings keine zweifelsfreie Bestätigung eines kausalen Zusammenhangs.“ Und das ist wichtig. Ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch lange nicht, dass auch ein kausaler Zusammenhang vorliegt, schon gar nicht mit Werbekonsum als ursächlicher Variable für Alkoholkonsum. Die Studie selber liest sich selbstverständlich wesentlich weniger aufgeregt als die Berichterstattung oder die Statements der Bundesdrogenbeauftragten. Ich bleibe also dabei: was hier betrieben wird, ist hauptsächlich Symbolpolitik.

Nachtrag 2: Ein weiterer Punkt, der mir beim Lesen der Studie aufgefallen ist, ist deren völlige Theorielosigkeit. Es wird ein statistischer Zusammenhang erkannt, so weit, so gut. Aber dann wird eine kausale Wirkung behauptet, die absolut nicht begründet wird. Warum und vor allem wie beeinflusst Werbung denn das Verhalten Jugendlicher dahingehend, dass sie mehr Alkohol konsumieren? Was die Autoren der Studie hier machen, will ich an folgendem Beispiel verdeutlichen: Ich rolle einen Gegenstand über eine Tischkante, beobachte, dass der Gegenstand zu Boden fällt, und behaupte dann, unsichtbare Geister seien für diesen Vorgang verantwortlich. Dies begründe ich nicht weiter, ich behaupte es einfach. Genau so machen die Autoren das. Sie beobachten einen Zusammenhang und behaupten dann eine Ursache und eine Wirkung, ohne diese zu begründen. Manch einer mag zwar glauben, Sozial- oder Geisteswissenschaften kämen ohne Theorie aus, aber dem ist nicht so. Einfach etwas aufgrund einer Beobachtung zu behaupten ist unwissenschaftlich.

Über die Methodologie der Studie möchte ich mich jetzt gar nicht mehr auslassen, das würde den Rahmen sprengen. Nur soviel: zum heiklen Thema Alkohol Jugendliche im Klassenverband zu befragen, bei Anwesenheit der Lehrer, ist zumindest fragwürdig.

Die Qual der Wahl

Mai 9, 2009

Da ich am 07.06. wahrscheinlich nicht nach Aachen fahren kann, habe ich für die Europawahl zum ersten Mal Briefwahl beantragt. Heute sind die Unterlagen angekommen und zum ersten Mal habe ich mir, anders als sonst in der Wahlkabine, wirklich die Zeit genommen und mir alle 31 zur Wahl stehenden Parteien genau durchgelesen. Und musste teilweise laut lachen. Ganz im Sinne Anthony Downs habe ich mir als rationaler Wähler zur Erlangung der vollständigen Information die Parteien und ihre Ziele im Internet angeschaut, obwohl meine Entscheidung eigentlich schon steht.

CDU (Christlich Demokratische Union Deutschlands): Die Christdemokraten treten als einzige mit einer Liste für NRW, nicht mit einer gemeinsamen Liste für alle Länder an. Sie wollen sich für eine stabile Währung, Wirtschaftswachstum und sichere Arbeitsplätze einsetzen (ach, wirklich?) und lehnen eine Vollmitgliedschaft der Türkei ab (ach, wirklich?). Sollte die Union bei der Wahl gewinnen (?), will sie laut Generalsekretär Ronald Pofalla den künftigen deutschen Kommissar stellen. Er übersieht aber scheinbar, dass, sollte der neue EU-Vertrag angenommen werden, erstens nach dem Rotationsprinzip ab und zu Deutschland gar keinen Kommissar stellen darf und dass zweitens die Kommissare „unabhängig“ sein sollen. Ob das auf ein Parteimitglied zutrifft muss sich dann wohl erst noch zeigen.

SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands): Die SPD, die zur Zeit mit einer selten dämlichen Plakatkampagne gegen sich selber wirbt, will mit Europa klare Regeln für die Finanzmärkte und neue Arbeitsplätze schaffen, Lohndumping verhindern, durch Geld für Bildung, Innovation und Forschung in die Zukunft investieren, für Umweltschutz sorgen und weltweit für Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit eintreten. Nicht wirklich überraschend, aber alles andere wäre ja auch eine Überraschung gewesen.

GRÜNE (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Grünen wollen WUMS. WUMS? Ja, WUMS. „Wirtschaft und Umwelt, menschlich und sozial“. Nun ja, blöder, pseudocooler Slogan, aber wählen werde ich sie wohl trotzdem. Spitzenkandidaten sind übrigens die Rebecca und der Reinhard. So voll bürgernah und so!

FDP (Freie Demokratische Partei): Auch die Liberalen überraschen höchstens mit einem umständlichen Weg, bis man mal bei ihren Europawahlzielen angekommen ist: Freiheit (der urliberale Wert!), Marktwirtschaft und Bürgerrechte heißen die Schlagworte. Wahlkampftechnisch macht man voll auf Obama, angefangen vom Layout der Homepages, dem Mitmach- und Spendenaspekt bis zur Konzentration auf die Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin.

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Kein Spiel mehr

Mai 8, 2009

Die große Koalition hat sich auf eine Verschärfung des Waffenrechts verständigt. Doch anstatt den Privatbesitz von Waffen einzuschränken, will man unangekündigte Kontrollen bei Waffenbesitzern einführen … und Spiele wie Paintball/Gotcha und Lasergame verbieten (wobei das nicht ganz richtig ist, da Lasergame bereits verboten ist). Und damit beweist die Politik mal wieder, dass sie a) kein Interesse daran hat, die Waffenlobby zu verärgern, und b) die Bürger auf den Arm nehmen will.

Bei Freizeitaktivitäten wie Paintball würde das Töten simuliert, so der Unionsfraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach. Und das, so wahrscheinlich die weitere Überlegung, könne zu Amokläufen führen. Ein Gewaltforscher der Uni Münster, der gestern im Fernsehen dazu interviewt wurde, ist da anderer Meinung. Er sagte, Spiele wie Paintball seien Mannschaftsspiele, Amokläufer aber Einzelgänger. Deswegen sei es nicht wahrscheinlich, dass sich amokgefährdete Jugendliche ausgerechnet Paintball als Training suchten. Und mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass der Mann Recht hat. Paintball habe ich noch nicht gespielt, wohl aber Lasergame (in Holland). Ein Alleingang ist in solchen Spielen sinnfrei, man muss als Mannschaft vorgehen. Im übrigen habe ich damals keinen Funken Aggression oder Frust verspürt, sondern einfach eine Menge Spaß gehabt. Die Gruppendynamik bei solchen Teamspielen, so der Gewaltforscher weiter, würde eher für einen Aggressionsabbau sorgen.

Von einem Verbot von Spielen wie Paintball ist der Schritt zum Verbot „Killerspielen“ am PC natürlich nicht mehr weit. Erstaunlich, dass trotzdem zuerst die „Real Life“-Varianten verboten werden, ist doch soweit ich weiß von keinem Amokläufer bekannt, dass er sowas spielte.

Wenn man die Überlegungen der Koaltion weiterführt, müsste man dann nicht auch Kindern verbieten mit Spielzeugpistolen, ob gekauft oder selber gebastelt, Räuber und Gendarme oder Cowboy und Indianer zu spielen? Immerhin geht es da auch ums Töten und es gibt meistens keine Schiedsrichter, wie das bei Paintball der Fall ist. Und was ist mit der Bundeswehr? Ist das nicht der größte „wir bringen euch das Töten bei“-Verein im Lande? Bei Paintballspielen in Deutschland ist Tarnkleidung oder Uniformierung übrigens verboten. Eigentlich kann man über diese Politik nur noch lachen, alles andere ist zu frustrierend.

Nachtrag 14.05.09: Na sieh mal einer an: auf einmal hat sich die Große Koalition entschieden, Paintball vorerst doch nicht zu verbieten. Da scheint den Damen und Herren bewusst geworden zu sein, dass ihr Vorschlag wohl doch nicht so gut beim Volk ankommt. Man wisse noch nicht genug darüber, wie gefährlich das Spiel wirklich sei, so ein CDU-Innenpolitiker. Ach, dass sich die Damen und Herren mit der Materie gar nicht wirklich befasst haben und einfach mal vorschnell ein Verbot vorgeschlagen haben, damit hätte ich ja jetzt kaum gerechnet.

Endlich behauptet: Christen sind die wahren Juden

April 15, 2009

Zwei Mal habe ich mich in letzter Zeit schon über die katholische Kirche aufgeregt: zunächst hatte Papst Benedikt XVI. der erzkonservativen Piusbruderschaft die Rückkehr in die Kirche angeboten, dann hatte er behauptet, Kondome verschlimmerten die AIDS-Katastrophe nur noch. In seiner Osterpredigt hat der Augsburger Bischof Walter Mixa nun vergangene Woche wieder Sachen von sich gegeben, die mich ehrlich fassungslos zurücklassen.

„Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen“, sagte Mixa. „Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet.“ Er sieht im Atheismus also eine Ursache für Diktaturen verschiedener Couleur? Selbst wenn man einmal völlig davon absieht, wie unzählig viele Menschen in der Geschichte der Menschheit im Namen Gottes (oder verschiedener Götter) umgebracht wurden, ist diese Bemerkung meiner Meinung nach völliger Schwachsinn. Ist es nicht eher so, dass Diktatoren allgemein nicht viel von der Kirche halten können/dürfen, da eine mächtige Institution neben ihrem Apparat ihnen nur schadet? Atheismus müsste demnach eine Folge von Faschismus oder Kommunismus sein, nicht aber eine Ursache. Oder sehe ich das so völlig falsch?

Aber Mixa legte noch nach. In Systemen wie dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus seien Christen immer besonders verfolgt worden. In Hinblick auf die Judenverfolgung ist diese Bemerkung meiner Meinung nach eine Unverschämtheit. Zwar sind im dritten Reich auch Christen verfolgt worden, aber meines Wissens nach nicht grundsätzlich wegen ihrer Religionszugehörigkeit – anders als die Juden, die als Volk völlig ausgelöscht werden sollten – sondern weil sie sich nicht bedingungslos unterordnen wollten.

Ich weiß nicht, ob ich in letzter Zeit besonders empfindlich bin, aber irgendwie habe ich den Eindruck, als bemühten sich die katholische Kirche und ihre Oberen in letzter Zeit, jedes denkbare Fettnäpfchen mitzunehmen. Woran das liegen mag, verschließt sich mir völlig. Vielleicht ist es Penisneid dem Islam gegenüber, da einige wenige Muslime in den letzten Jahren massiv die Sau rausgelassen haben, und die alten Herren an der Spitze der katholischen Kirche insgeheim auch gerne wieder Macht durch die Verbreitung von Angst und Schrecken erlangen würden? Jedenfalls bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mich der Gedanke, diesem Verein anzugehören (wenn auch nur durch Taufe, gegen die ich mich nicht wehren konnte – den ganzen anderen Kram habe ich nicht mit mir machen lassen), ernsthaft beschämt und ich erwäge, formal aus der Kirche auszutreten, nur um mein Gewissen nicht weiter zu beschmutzen. Vielen Dank dafür.