Archiv für die Kategorie ‘Alltag’

Gruppensex Sells

Juni 22, 2008

Sonderlich viele Besucher hat dieses Blog normalerweise nicht. Eine Handvoll pro Tag etwa. Seit Freitag gibt’s allerdings überdurchschnittlich viele. Woran das wohl liegen mag?

Die Wahlfrauenversammlung zwischen den anderen Suchbegriffen finde ich übrigens besonders schön.

Gruppensex für Anfänger mit BILD

Juni 20, 2008

In Ihrem Kopfkino spielt der Streifen “Orgie”? Wenn Sie als Single von Massensex träumen, könnten Sie an sich sofort auf die Pirsch gehen und sich zügellos verlustieren. Einfach in einen Lusttempel gehen, ein paar Regeln beherzigen und Ihren Mann stehen!

Klingt wie die Einleitung zu einem Beitrag in einer billigen, in Tankstellen auf Kleinkinderaugenhöhe ausliegenden Sexzeitschrift oder zu einer Spiegel TV-Ausgabe zum Thema Swingerclubs? Ist aber aus einem Beitrag auf Bild.de. Dieser ist gerade (20.57 Uhr) auf der Startseite verlinkt, wo die Sexthemen eigentlich erst in der Nacht auftauchen.

Im Artikel selbst gibt es 21 “Das müssen Sie über Orgien wissen”-Tipps zum Durchklicken (Hygiene, Dresscode, Eifersucht, Safer Sex, Alkohol, Toleranz, jetzt habe ich keine Lust mehr weiterzuklicken) und ein unglaublich unfangreiches und differenziertes Voting: “Was halten Sie von Orgien? a) Finde ich super b) Nichts für mich”. Habe jetzt mal “Finde ich super” angeklickt, und siehe da, 63% der Nutzer sind auch meiner Meinung. Schön. Es gibt auch Tipps dafür, wie man dem Partner seinen Wunsch nach einer Orgie am besten offenbart:

Gehen Sie einfühlsam vor. Merken Sie, dass Ihr Schatz nicht darauf anspringt, bleiben Sie eben Dauergast in Ihrem “Orgien”-Film. Schießt eine Augenbraue in die Höhe und macht sich ein breites Grinsen im Gesicht breit, könnte im Kopf des Partners ein ähnlicher Film spielen.

Interessant. Interessant ist auch immer wieder, wie Bild einerseits Sex-Themen verarbeitet und sich andererseits über Charlotte Roche (ohnehin ein Lieblingsfeind der Bild) oder Lady Bitch Ray echauffiert. Man könnte das bigott oder heuchlerisch nennen. Aber es ist ja nicht so, dass das für die Bild ungewöhnlich wäre.

Nachtrag 21.06.08: Auch BILDblog berichtet über die Doppelmoral für Anfänger und belegt diese noch mit einem unappetitlichen Beispiel.

L’Italia s’è desta

Juni 10, 2008

Und ich war so gut. Beim EM-Tippspiel unseres Instituts habe ich bei den ersten vier Spielen den Sieger jeweils richtig getippt, beim Spiel Portugal gegen die Türkei sogar das Ergebnis exakt gehabt. Aber dann kommt Gruppe C und die bringt mir keinen einzigen Punkt. Hätte ich mal so getippt, wie ich mir die Ergebnisse gewünscht hätte, dann wären wohl einige Punkte auf mein Konto gegangen. Aber nein, ich musste ja überlegen, dass wohl Frankreich Rumänien hoch schlagen und die Niederlande nicht über ein 2:2 gegen Italien hinauskommen würde. Merde! Ein wenig gefreut habe ich mich über die Ergebnisse dann aber doch. Gerade eben hätte dann Spanien ruhig mal darauf verzichten können, in der Nachspielzeit noch das 4:1 zu schießen, dann hätte ich da noch einen Punkt für die richtige Tordifferenz bekommen. Wehe, Schweden und Griechenland trennen sich gleich nicht 1:1!

Der Streit um das Lesetagebuch

Juni 4, 2008

Heute fand ein Bachelor-Forum unseres Studienganges statt, also eine Diskussionsveranstaltung mit Dozierenden und Studierenden des Studienganges BA SoWi zum Austausch von (unter anderem und vor allem) Kritik. Hauptstreitpunkt war das leidige Thema “Reading Diary” (RD). Zur Erklärung: zum Erwerb eines Beteiligungsnachweises (BN aka “Schein”, muss für jeden in der Studienordnung vorgeschriebenen Kurs erworben werden) müssen in einigen Veranstaltungen RDs angefertigt werden. Dazu muss ein Text gelesen und auf 1 bis 2 Seiten zusammengefasst werden. Die Anzahl der RDs reicht von 4 bis 10 pro Semester (bei etwa 12 thematischen Sitzungen), je nach Kurs. Studierende in meinem, dem zweiten, Semester müssen für mindestens drei Veranstaltungen solche RDs einreichen. Begründet wird diese Regelung auf unterschiedliche Arten:

  1. Studierende lesen zu wenig und müssen zu ihrem eigenen Besten dazu gebracht werden, beispielsweise um später bessere Hausarbeiten schreiben zu können.
  2. Die Qualität der Sitzungen leidet, wenn die meisten Teilnehmer die Texte nicht gelesen haben.
  3. Das Zusammenfassen wissenschaftlicher Texte ist eine wichtige Fähigkeit, die trainiert werden muss (siehe 1).

So weit, so gut, die Begründungen sind durchaus nachvollziehbar. Was mich und viele meiner Kommilitonen an dieser Methode stört, ist die Einschränkung unserer Freiheit, die wir doch solche Maßnahmen erleben. Auch wenn dies von Dozierendenseite vehement verneint wurde: die RDs sind durchaus mit Hausaufgaben in der Schule vergleichbar. Dies passt auch insoweit, dass das ganze Studium durch die Reformen des Bologna-Prozesses “verschult” wurde. Das ist nicht die Schuld und Verantwortung unserer Dozenten. Sie gehen mit der Vergabe solcher Aufgaben jedoch immer weitere Schritte in Richtung “Schule Universität”.

Viel wichtiger als Kritik am System Bachelor/Master ist für mich jedoch der folgende Punkt: die Reading Diaries demotivieren uns Studierende. Wenn man jede Woche, zum Teil mehrfach, gezwungen wird, einen Text zu lesen und zusammenzufassen, dann lässt nach wenigen Wochen die Motivation merklich nach. Man überfliegt die Texte nur noch, sucht in ihnen nach Kapitelzusammenfassungen und kopiert sich lieblos eine Zusammenfassung zusammen. Dies fördert in keinster Weise die Beteiligung in der Veranstaltung (wenn die Dozierenden dies auch behaupten, aber das müssen dann Kurse sein, an denen ich nicht teilnehme), Wortmeldungen kommen nach wie vor nur von wenigen Teilnehmern. Es bringt mich auch persönlich nicht weiter. Sinnvoller wäre meiner Meinung, und die trug ich auch vor, eine freier gestaltete Regelung. Beispielsweise könnte man vorgeben, dass im Laufe des Semesters zu 4-5 Sitzungen RDs eingereicht werden müssen, den Studierenden aber die Wahl lassen, zu welchen sie dies machen. Man könnte sich dann Themen, die einen besonders interessieren, und Termine, die am besten passen, raussuchen und würde sicherlich motivierter arbeiten und bessere Ergebnisse abliefern. Abgewiesen wurde dieser Vorschlag mit der Begründung, dann würde ja zu den anderen Sitzungen keiner mehr die Texte lesen. (more…)

Außen hui, innen auch

Mai 30, 2008

Eben ist endlich das neue Opeth-Album Watershed in der Limited Edition bei mir angekommen. Hurra! Äußerst schicker Pappschuber mit CD, Bonus-DVD (Dokumentation, 5.1 Mix und drei Bonustracks) und Booklet. Hübsch, hübsch. Texte gibt es im Booklet leider nicht, aber die wird man sich schon irgendwo besorgen könne.

Bin jetzt gerade beim vierten Song, bisher klingt das doch schonmal stark nach “Album des Jahres”, wenn es auch ein ziemlich überraschendes Werk ist. Überraschend im Sinne von “hat man so von Opeth noch nicht gehört”. Klingt wie Opeth, aber wie kein Album zuvor, ist mein erster Eindruck. Ausführliche Rezension gibt es dann irgendwann demnächst.

“Eine Schande!”

Mai 25, 2008

“Eine Schande!”, das war der Ausruf von Thomas Hermanns, als das Ergebnis des Eurovision Song Contest (kurz: Grand Prix) gestern endlich feststand. Und eigentlich muss man mehr gar nicht mehr sagen. 14 Punkte erhielten die No Angels. Das waren leider nur Punkte aus zwei Ländern, 2 aus der Schweiz und immerhin volle 12 aus Bulgarien, was aber sicher nicht daran lag, dass Bulgaren auf deutschen 08/15-Pop stehen, sondern daran, dass Kein-Engel-Lucy von dort stammt. Leider reichten diese 14 Punkte nur für einen letzten Platz, den sich Deutschland allerdings mit Polen und dem Vereinigten Königreich teilen darf. Sagte ich leider? Nun, eigentlich habe ich mich jedesmal diebisch gefreut, wenn es für Deutschland keine Punkte gab. Und da hatte ich viele Gelegenheiten zur Freude, denn immerhin gab es aus 41 der 43 abstimmenden Länder 0 Punkte. Irgendwie verblasst mein ohnehin schon nicht sonderlich ausgeprägter Patriotismus beim Grand Prix immer völlig.

Jetzt kann man es sich natürlich leicht machen wie Moderator Peter Urban und viele andere, und das katastrophale Abschneiden der No Angels auf die (empirisch nie nachweisbare) Ostblockverschwörung schieben. Man könnte aber auch einfach ehrlich sagen: der deutsche Beitrag war scheiße. Er war nicht scheiße wie der spanische Nonsense-Beitrag, die lettischen Piraten oder die Visage der schwedischen Botox-Hexe, aber er war einfach nicht Grand Prix-geeignet. Ein Grand Prix-Song, so konnte man in den letzten Jahren lernen, muss entweder hochdramatisch, verrückt oder sexy sein, am besten alles zusammen. Und der Auftritt der No Angels war gar nichts davon. Er war einfach uninspiriert und uninteressant und somit verdient punktemäßig unbeachtet (puh, ein drittes un-Wort gefunden!).

Ich habe schon mehrfach gelesen, das Deutschland mit Tokio Hotel eine gute Chance gehabt hätte. Da kann was dran sein. Vielleicht hätte es auch ein Pop-Rock-Act wie Sportfreunde Stiller oder wie sie alle heißen getan, dass sowas ankommt sah man ja am recht ordentlichen Abschneiden des türkischen Beitrags. Aber nein, Deutschland muss ja entweder Klamauk oder Belangloses schicken.

Lustiges Liveblogging, das auch beim Nachlesen noch erfreuen kann, gab es übrigens unter anderem bei Coffee and TV und beim popkulturjunkie.

Nachtrag: „Wir sind immer noch die Geilsten.“ sagen die Damen im Videointerview bei Bild.de. Das hieße ja, sie müssten auch schon vorher die Geilsten gewesen sein. Da habe ich wohl was verpasst. Wie dem auch sei: Glückwunsch jedenfalls zu so viel Geschick im Verdrängen, wenn man das so gut kann muss das Leben ja ein Kinderspiel sein. Lustige Artikel gibt es auch bei SpOn und Stefan Niggemeier.

Christdemokrat redet in Zungen

Mai 23, 2008

Gottfried Ludewig, Bundesvorsitzender des der CDU nahestehenden “Ring Christlich-Demokratischer Studenten” (RCDS), hat einen interessanten Vorschlag unterbreitet. Per Mail verschickte er ein Thesenpapier mit dem Titel “Drei Thesen zur Stärkung der Leistungsträger” an sämtliche CDU-Vereinigungen, so melden verschiedene Medien. Dort hieße es:

Diejenigen, die den deutschen Wohlfahrtsstaat finanzieren und stützen, müssen in diesem Land wieder mehr Einfluss bekommen. Die Lösung könnte ein doppeltes Wahl- und Stimmrecht sein. [...] Dass das Bundesverfassungsgericht ein doppeltes Wahlrecht vermutlich nicht zulassen würde, ist eine andere Frage.

Mit “Hartz IV-Beziehern und Rentnern” alleine, so Ludewig, sei ein sozialer Ausgleich nicht zu schaffen.

Eigentlich ist dieser Vorschlag, der als Diskussionsanregung gedacht sein soll, so absurd, dass man ihn völlig mit Nichtbeachtung strafen müsste. Aber wenn sowas einmal unterwegs ist, dann kann man sich ja an den Schimpftiraden ruhig beteiligen. Immerhin hat Ludewig selber erkannt, dass seine Idee nicht so ganz zu unserer Verfassung passt. Ohne groß zu suchen fallen mir schonmal zwei Grundgesetzartikel ein, gegen die der Vorschlag bei Umsetzung verstoßen würde: Art. 3 I GG (Gleichberechtigung) und Art. 38 I (Wahlrechtsgrundsätze). Wahlen haben in Deutschland nunmal “allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim” zu sein. Die beiden markierten Begriffe verbieten eine Gewichtung von Stimmen oder den Ausschluss einzelner Staatsbürger von der Wahl. Zu der Dummheit der Anregung kommt noch die durch sie offenbarte unheimliche Arroganz des Herrn Ludewig. Offensichtlich hält er sich (ich unterstelle einfach mal, dass er sich selber zur Elite zählt) für einen besseren, wertvolleren Bürger. Mit Verlaub, aber ich könnte kotzen wenn ich sowas höre oder lese.

Irgendwie wundert es mich allerdings nicht, dass solch ein Vorschlag von einer Gruppierung wie dem RCDS kommt. Die Düsseldorfer Gruppe des Verbandes, die an meiner Uni einen Sitz im Studierendenparlament besetzt, fiel mir schon im letzten Herbst bei den Gremienwahlen negativ mit ihrer Forderung nach der Verlängerung einer U-Bahnlinie bis zur Uni auf (das solche Verlängerungen fast kostenfreie Maßnahmen sind und das Geld dort bestens angelegt ist, kann man ja beispielsweise in Köln sehen). Ich hab mich dann jetzt mal ein wenig auf ihrer Homepage umgeguckt und dabei die “Politischen Leitlinien des RCDS Nordrhein-Westfalen” gefunden. Dort heißt es unter anderem:

Als bedürftige Menschen sind alle Menschen gleichwertig und gleichberechtigt. [...] Menschenwürde kommt dem Menschen von Anfang an zu, ohne dass er etwas dafür tun muss. [...] Der Programmatik des RCDS liegt ein Menschenbild zugrunde, das von der unveräußerlichen Würde, der Gleichwertigkeit, Verschiedenartigkeit und Unvollkommenheit des Menschen ausgeht. [...] Dem christlichen Menschenbild wird in einer offenen und solidarischen Gesellschaft am ehesten Rechnung getragen. Diese Gesellschaft orientiert sich an den Grundwerten Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. [...] Freiheit und Gleichheit stehen in einer komplementären Beziehung zueinander. Würde und Gleichwertigkeit aller Menschen konkretisieren unseren Begriff von Gleichheit. [...] Die Gleichheit der Menschen fordert Toleranz gegenüber anderen Meinungen, Handlungsweisen und Lebensgestaltungen. [...] Solidarität ist die Grundlage des Handelns zur Aufhebung der Entfremdung. Das Ziel der Solidarität ist das umfassende Wohl des Menschen in der Gesellschaft. Als Bindekraft entsteht sie dort, wo gemeinsame Herausforderungen angegangen werden.

Das sind nur ein paar Punkte, die mir ins Auge fielen. Aber vielleicht sollte sich der Bundesvorsitzende mal die eigenen Leitlinien durchlesen. Oder gelten die NRW-Leitlinien auf Bundesebene nicht? Denkbar wäre auch, dass der RCDS den Begriff “Gleichheit” im orwell’schen Sinne versteht: Alle Menschen sind gleich, aber die Leistungsträger der Gesellschaft sind gleicher.

Das Experiment (2)

Mai 18, 2008

Knapp einen Monat ist es jetzt her, dass ich mein Vegetarier-Experiment begann. Und bisher habe ich es ohne einen Rückfall durchgehalten. Fisch habe ich einige Male gegessen, Fleisch jedoch nicht. Und das, obwohl ich schon auf zwei Grillveranstaltungen war. Ich bin schon ein wenig stolz auf mich.

Das Böse - revisited (2)

Mai 17, 2008

Wie ich vermutete, wurde in der gestrigen Galileo Mystery-Ausgabe “Das Böse - steckt der Teufel in jedem von uns?” das berühmte Experiment von Stanley Milgram aus den 60ern dargestellt. Dabei wurde mit keinem Wort erwähnt, dass dieses Experiment von Milgram stammt. Es wurde vielmehr durch Formulierungen wie “unser Experiment” suggeriert, die Galileo-”Experten” hätten sich den ganzen Versuch selber ausgedacht. Dabei entsprach die Umsetzung wirklich 1:1 dem Original: angefangen von der Probandensuche via Zeitungsanzeige, der Versuchsanordnung, dem Aussehen der Geräte, den Kommentaren des Versuchsleiters usw. Dabei zeigte man die Durchführung des Experiments mit zwei Probanden (welch repräsentative Stichprobe): “Markus” und “Elisabeth”. “Markus” offenbarte das Böse in sich, indem er der angeblichen Testperson - wie im Milgramversuch ein Schauspieler - bei falschen Antworten auf die Testfragen Stromstöße steigender Stärke verpasste, ohne sich von den Schmerzschreien abhalten zu lassen. Dabei zeigte “Markus” eine Kaltblütigkeit, wie sie Milgram bei keinem seiner Kandidanten feststellte. Er fragte kein mal, ob er weitermachen sollte, lachte nicht, zuckte bei den Schreien nicht zusammen. Das lässt natürlich vermuten, dass es sich auch bei “Markus” um einen Schauspieler handelte. Entsprechend war Probandin “Elisabeth” am Ende der Sendung das Positivbeispiel und brach den Versuch nach einiger Zeit ab, was den wunderbaren Schluss “Das Böse steckt in jedem von uns - aber eben auch das Gute.” zuließ. Die Annahme, dass es sich bei den Versuchspersonen um Schauspieler handelte, ist auch deswegen plausibel, weil eine tatsächliche Durchführung des Experiments heutzutage kaum noch ethisch vertretbar wäre. Wenn es sich bei dem Versuchsleiter wirklich um einen Psychologen gehandelt haben sollte, würde es mich sehr wundern, wenn dieser die Durchführung begleitet hätte.

Es bleiben also zwei mögliche Deutungen: entweder Pro7 lügt die Zuschauer an, indem man suggeriert, ein Experiment durchzuführen, es aber in Wahrheit nur nachspielt (von der Nichterwähnung Milgrams mal ganz abgesehen). Oder Pro7 führt ethisch nicht vertretbare Experimente für eine Unterhaltungssendung durch. Und das bei immerhin 1,03 Millionen Zuschauern und einem 13%-Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe (14-49jährige Zuschauer).

Das Böse - revisited

Mai 15, 2008

Galileo Mystery ist ja bekannt für absurde Themen und Enthüllungen, die so albern präsentiert werden, dass die Switch-Satire auf die Sendung sich kaum vom Original unterscheidet. Morgen enthüllt Möchtegern-Mulder Aiman Abdallah scheinbar wieder unglaubliches:

Das Böse – steckt der Teufel in jedem von uns?

Warum begehen scheinbar friedliebende Menschen plötzlich ein Verbrechen? Wie ist es möglich, dass ganz normale Familienväter andere Menschen foltern und Spaß an deren Leiden empfinden? Galileo Mystery begibt sich auf die Suche nach der Ursache des Bösen.

Aiman Abdallah spricht dazu mit einem Mann, der die Erforschung des Bösen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat: der Psychologe Prof. Philip Zimbardo von der Stanford-Universität in Kalifornien. Sein Experiment zum Bösen aus dem Jahre 1971 schrieb Wissenschaftsgeschichte und wurde mehrmals verfilmt: Im Stanford-Prison-Experiment stellte Zimbardo die Situation in einem Gefängnis mit Studenten nach. Aber innerhalb weniger Tage geriet die Situation vollkommen außer Kontrolle.

Die Studenten, die die Gefängniswärter spielen sollen, verwandelten sich in brutale Sadisten. Zimbardo musste das Experiment abbrechen. Seitdem ist er sich sicher: Es braucht nur die geeignete Situation und das Böse bricht aus. Diese These wird Galileo Mystery in einem eigenen Experiment überprüfen. Testpersonen sollen andere Menschen bestrafen – mit Stromstößen. Stromstöße, die tödlich sein können.

Das Ergebnis des Experiments ist erschreckend: Es zeigt: Das Böse – es steckt in fast jedem von uns.

Den Trailer zur Sendung sah ich eben im Fernsehen. Und das “eigene Experiment” von Pro7 kam mir schon in diesen wenigen Einstellungen bekannt vor. Vor allem, da ich einen Film über dieses Experiment heute in einer Vorlesung sah. Einen Film aus den 70er Jahren. Das Pro7-Experiment wurde nämlich erstmals 1962 in den USA von dem Psychologen Stanley Milgram durchgeführt, und ist deshalb auch als Milgram-Experiment bekannt. Die Ergebnisse von Milgrams Versuch sind bekannt und sicher erschreckend. Sie sagen aber nicht, dass “das Böse in fast jedem von uns steckt”. Sie belegen nur, dass Menschen den Anweisungen einer Autoritätsperson folgen, auch wenn das gegen ihre persönliche Einstellung verstößt. Milgram testete noch einige Änderungen in der Versuchsanwendung, später wurde das Experiment jedoch nicht mehr durchgeführt. Es wurde im Zuge einer langwierigen Ethikdebatte in der Wissenschaft ausführlich diskutiert (wie auch Zimbardos Gefängnis-Experiment). Mittlerweile verfügen die meisten Wissenschaftsvereinigungen über Kataloge mit forschungsethischen Regeln, die solche Experimente zwar nicht explizit verbieten, ihnen aber sehr kritisch gegenüberstehen (siehe den Ethik Kodex der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, DGS).

Ich vermute wegen der Bilder zur Sendung, dass Pro7 das Experiment nicht wirklich neu durchgeführt, sondern einfach nachgespielt hat. Warum Milgram nicht als Urheber genannt wird, weiß ich nicht. Vielleicht bekam man keine entsprechende Genehmigung zur Nutzung von Material und Namen (Milgram selber starb 1984). Philip Zimbardo stand aber offensichtlich zur Verfügung. Ich verstehe nur nicht, warum er auch noch in der Sendung auftritt. Ich wäre mir dafür an seiner Stelle ja zu schade.

Vielleicht werde ich mir die Sendung morgen mal angucken. Und vielleicht tue ich Pro7 ja auch unrecht, und sie erwähnen Milgram in der Sendung. Ich vermute aber eher, dass sie es nicht tun werden.