Kein Spiel mehr

Mai 8, 2009 von Philipp Henn

Die große Koalition hat sich auf eine Verschärfung des Waffenrechts verständigt. Doch anstatt den Privatbesitz von Waffen einzuschränken, will man unangekündigte Kontrollen bei Waffenbesitzern einführen … und Spiele wie Paintball/Gotcha und Lasergame verbieten (wobei das nicht ganz richtig ist, da Lasergame bereits verboten ist). Und damit beweist die Politik mal wieder, dass sie a) kein Interesse daran hat, die Waffenlobby zu verärgern, und b) die Bürger auf den Arm nehmen will.

Bei Freizeitaktivitäten wie Paintball würde das Töten simuliert, so der Unionsfraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach. Und das, so wahrscheinlich die weitere Überlegung, könne zu Amokläufen führen. Ein Gewaltforscher der Uni Münster, der gestern im Fernsehen dazu interviewt wurde, ist da anderer Meinung. Er sagte, Spiele wie Paintball seien Mannschaftsspiele, Amokläufer aber Einzelgänger. Deswegen sei es nicht wahrscheinlich, dass sich amokgefährdete Jugendliche ausgerechnet Paintball als Training suchten. Und mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass der Mann Recht hat. Paintball habe ich noch nicht gespielt, wohl aber Lasergame (in Holland). Ein Alleingang ist in solchen Spielen sinnfrei, man muss als Mannschaft vorgehen. Im übrigen habe ich damals keinen Funken Aggression oder Frust verspürt, sondern einfach eine Menge Spaß gehabt. Die Gruppendynamik bei solchen Teamspielen, so der Gewaltforscher weiter, würde eher für einen Aggressionsabbau sorgen.

Von einem Verbot von Spielen wie Paintball ist der Schritt zum Verbot „Killerspielen“ am PC natürlich nicht mehr weit. Erstaunlich, dass trotzdem zuerst die „Real Life“-Varianten verboten werden, ist doch soweit ich weiß von keinem Amokläufer bekannt, dass er sowas spielte.

Wenn man die Überlegungen der Koaltion weiterführt, müsste man dann nicht auch Kindern verbieten mit Spielzeugpistolen, ob gekauft oder selber gebastelt, Räuber und Gendarme oder Cowboy und Indianer zu spielen? Immerhin geht es da auch ums Töten und es gibt meistens keine Schiedsrichter, wie das bei Paintball der Fall ist. Und was ist mit der Bundeswehr? Ist das nicht der größte „wir bringen euch das Töten bei“-Verein im Lande? Bei Paintballspielen in Deutschland ist Tarnkleidung oder Uniformierung übrigens verboten. Eigentlich kann man über diese Politik nur noch lachen, alles andere ist zu frustrierend.

Nachtrag 14.05.09: Na sieh mal einer an: auf einmal hat sich die Große Koalition entschieden, Paintball vorerst doch nicht zu verbieten. Da scheint den Damen und Herren bewusst geworden zu sein, dass ihr Vorschlag wohl doch nicht so gut beim Volk ankommt. Man wisse noch nicht genug darüber, wie gefährlich das Spiel wirklich sei, so ein CDU-Innenpolitiker. Ach, dass sich die Damen und Herren mit der Materie gar nicht wirklich befasst haben und einfach mal vorschnell ein Verbot vorgeschlagen haben, damit hätte ich ja jetzt kaum gerechnet.

Endlich behauptet: Christen sind die wahren Juden

April 15, 2009 von Philipp Henn

Zwei Mal habe ich mich in letzter Zeit schon über die katholische Kirche aufgeregt: zunächst hatte Papst Benedikt XVI. der erzkonservativen Piusbruderschaft die Rückkehr in die Kirche angeboten, dann hatte er behauptet, Kondome verschlimmerten die AIDS-Katastrophe nur noch. In seiner Osterpredigt hat der Augsburger Bischof Walter Mixa nun vergangene Woche wieder Sachen von sich gegeben, die mich ehrlich fassungslos zurücklassen.

„Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen“, sagte Mixa. „Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet.“ Er sieht im Atheismus also eine Ursache für Diktaturen verschiedener Couleur? Selbst wenn man einmal völlig davon absieht, wie unzählig viele Menschen in der Geschichte der Menschheit im Namen Gottes (oder verschiedener Götter) umgebracht wurden, ist diese Bemerkung meiner Meinung nach völliger Schwachsinn. Ist es nicht eher so, dass Diktatoren allgemein nicht viel von der Kirche halten können/dürfen, da eine mächtige Institution neben ihrem Apparat ihnen nur schadet? Atheismus müsste demnach eine Folge von Faschismus oder Kommunismus sein, nicht aber eine Ursache. Oder sehe ich das so völlig falsch?

Aber Mixa legte noch nach. In Systemen wie dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus seien Christen immer besonders verfolgt worden. In Hinblick auf die Judenverfolgung ist diese Bemerkung meiner Meinung nach eine Unverschämtheit. Zwar sind im dritten Reich auch Christen verfolgt worden, aber meines Wissens nach nicht grundsätzlich wegen ihrer Religionszugehörigkeit – anders als die Juden, die als Volk völlig ausgelöscht werden sollten – sondern weil sie sich nicht bedingungslos unterordnen wollten.

Ich weiß nicht, ob ich in letzter Zeit besonders empfindlich bin, aber irgendwie habe ich den Eindruck, als bemühten sich die katholische Kirche und ihre Oberen in letzter Zeit, jedes denkbare Fettnäpfchen mitzunehmen. Woran das liegen mag, verschließt sich mir völlig. Vielleicht ist es Penisneid dem Islam gegenüber, da einige wenige Muslime in den letzten Jahren massiv die Sau rausgelassen haben, und die alten Herren an der Spitze der katholischen Kirche insgeheim auch gerne wieder Macht durch die Verbreitung von Angst und Schrecken erlangen würden? Jedenfalls bin ich an einem Punkt angelangt, an dem mich der Gedanke, diesem Verein anzugehören (wenn auch nur durch Taufe, gegen die ich mich nicht wehren konnte – den ganzen anderen Kram habe ich nicht mit mir machen lassen), ernsthaft beschämt und ich erwäge, formal aus der Kirche auszutreten, nur um mein Gewissen nicht weiter zu beschmutzen. Vielen Dank dafür.

Pure Reason Revolution – Amor Vincit Omnia

April 12, 2009 von Philipp Henn

amorNoch unter dem Eindruck des fantastischen Konzerts am vergangenen Donnerstag wird es Zeit für eine Rezension des großartigen zweiten Albums der britischen Band Pure Reason Revolution. Immerhin drei Jahre haben sich Jon Courtney, Chloe Alper, Jamie Willcox und Paul Glover Zeit gelassen, um den Nachfolger ihres 2006 erschienenen Erstlings The Dark Third vorzulegen. The Dark Third war und ist für mich das wohl beste Debütalbum aller Zeiten, höchstens Disillusions Back to Times of Splendor könnte da noch ranreichen. Der feine Prog/Art-Rock von The Dark Third begeistert mich auch heute noch mit seinen Ohrwurmmelodien, den überraschend harschen und grungigen Gitarrenausbrüchen, dem spannungsgeladenen Aufbau der Songs und vor allem dem Quasi-Markenzeichen der Band, dem großartig arrangierten und mit unglaublicher Detailverliebtheit abgemischten polyphonen Gesang. Bis zu 60 (!) Tonspuren für den Gesang verwendeten Pure Reason Revolution auf ihrem Debüt. Aber auch live setzen sie das, natürlich in sehr reduzierter Form und unter Einsatz einiger Samples, hervorragend um.

Das zweite Album ließ also lange auf sich warten. Aber zum Glück spielten die Briten einige neue Songs seit 2007 schon live, so dass keine Befürchtungen aufkamen, das neue Werk könnte in irgend einer Weise enttäuschen. Und das tat es, als ich es im März erstmals in Händen hielt, auch absolut nicht. Und das obwohl sich Pure Reason Revolution stilistisch ziemlich stark weiterentwickelt haben. Der Anteil an klassischem Prog/Art-Rock im Stile von Pink Floyd wurde zurückgefahren, dafür setzen Pure Reason Revolution vermehrt Elemente elektronischer Musik ein. So gut kenne ich mich in diesen Gefilden nicht aus, aber spontan kommen mir Bands wie Radiohead, mit Abstrichen Muse, aber auch Kraftwerk oder Depeche Mode in den Sinn.

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Zu den Waffen, Freunde!

März 24, 2009 von Philipp Henn

Die Süddeutsche schreibt, dass die Stadt Stuttgart ein Computerspielturnier am kommenden Freitag abgesagt hat. Auf dem Turnier einer bundesweiten Liga für Computerspiele (scheint zur Electronic Sports League zu gehören) sollte unter anderem Counter-Strike gespielt werden. Den Familien und Angehörigen der Opfer des Amoklaufes von Winnenden sei man es schuldig, solche Veranstaltungen zur Zeit nicht in der Stadt zu akzeptieren, so Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) laut SZ.

Nun, als Signal für Gewaltverzicht kurz nach so einer schrecklichen Tat kann ich das Verbot einer solchen Veranstaltung in einer Stadt in unmittelbarer Nähe des Tatortes eigentlich verstehen. Allerdings frage ich mich, ob dann in nächster Zeit auch Schützenveranstaltungen und -turniere in Stuttgart und Umgebung abgesagt werden? Ich nehme an, dass dies nicht der Fall sein wird. Aber hey, mit echten Gewehren und Pistolen auf echte Zielscheiben zu schießen und den Schützennachwuchs auszubilden ist den Betroffenen des Amoklaufes gegenüber ja ein deutlich angemesseneres Verhalten.

Schuster, bleib bei deinen Leisten

März 21, 2009 von Philipp Henn

Ich muss zugeben: wenn ich Papst wäre, würde ich sicher auch alles versuchen, um das mir von der Bild-Zeitung übergestülpte Image des „Wir-sind-Papst“-Papstes so schnell wie möglich loszuwerden. Wer will schon von solch einem Schmutzblatt gefeiert werden? Momentan hat Benedikt XVI. einen richtigen Lauf was Imagemismanagement angeht. Nachdem er mit der angedeuteten Rehabilitierung der Pius-Bruderschaft vielen Juden und eigentlich jedem, der sich ernsthaft über ein friedliches Miteinander der Weltreligionen freut, vor den Kopf gestoßen hat, hat er sich nun ein neues Ziel ausgesucht. Mit seiner Äußerung, dass das AIDS-Problem nicht durch Kondome zu verbessern sei, sondern es im Gegenteil noch verschlimmere, hat er dabei jedem HIV-infizierten oder an AIDS erkrankten Menschen mit Anlauf einen Tritt verpasst. Und jeder mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Person natürlich auch.

Von mir aus kann dieser alte Mann ja glauben, was er will. Und wenn er und seine Kollegen denken, dass Sex etwas ganz böses ist, das man schön zu lassen hat, bis man ein paar dämliche Segensworte von einem Menschen erhalten hat, der selber ein heimliches Verhältnis mit seiner Haushälterin hat, dann finde ich das mehr als albern, aber es stört mich auch nicht besonders. Aber die unglaubliche Verfrorenheit zu besitzen und eine derartige Äußerung bei einem Afrikabesuch zu tätigen, wo bis zu 7% der Bevölkerung einiger Staaten HIV-infiziert sind, das erfordert meiner Meinung nach schon das Nichtvorhandensein jeglicher Menschlichkeit und ist nur noch ekelhaft. Was hat sich die katholische Kirche überhaupt zum Thema Sex zu äußern? Die alten Herren dürften doch eigentlich überhaupt keine Ahnung vom Thema haben. Das wäre ja so, als ob ich mich nun zu den Chancen und Risiken der Atomversuche im CERN äußern würde. Ich hab keine Ahnung was da passiert, aber hauptsache, ich schrei mal laut, dass ich das für zu gefährlich halte. Würde mich jemand ernst nehmen?

Einen sehr schönen Vergleich hat der großartige Jon Stewart gefunden. Er wundert sich nämlich, dass jemand, der glaubt, Menschen müssten sich nicht vor einer Gefahr schützen, selber stets in einem gut gepanzerten FahrzeugHier angucken. rumkurvt.

Auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung

März 9, 2009 von Philipp Henn

Die Einwohner des Dorfes Randerath bei Heinsberg hätten sich wohl nie träumen lassen, dass ihr Örtchen mal solch zweifelhafte Berühmtheit erlangen würde. Vor zwei Wochen war ein mehrfacher Kinderschänder, der nach Absitzen seiner Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen worden war, obwohl Gutachter ihn weiter für gefährlich halten, zu seinem Bruder in den Ort im Heinsberger Land gezogen. Der Heinsberger Landrat Stephan Pusch (CDU) warnte daraufhin die Bevölkerung vor dem Sexualstraftäter. Die Reaktionen waren vorhersehbar: Demonstrationen vor dem Haus des Bruders, Warnschilder in Schaufenstern, großes mediales Echo.

Nun absolvierte ich als diese Sache losging gerade ein Praktikum bei einer Aachener Lokalzeitung und bekam dadurch einen sehr interessanten Aspekt der Geschichte mit. Wie sollen nämlich die Presse und die Medien mit solch einem Fall umgehen? Diese Frage wurde in den Redaktionen auch sehr kontrovers diskutiert. Beide Blätter des Aachener Verlages entschieden sich zunächst dafür, nicht zu berichten um das Persönlichkeitsrecht des Entlassenen nicht zu verletzen. Denn auch ein verurteilter Straftäter besitzt in unserem Rechtsstaat Rechte, und darüber sollten wir eigentlich alle froh sein. Nachdem andere Medien sich aber selbstverständlich nicht zurückhielten, blieb auch den Aachener Zeitungen nichts anderes übrig, als über die Causa zu berichten. Dies passierte ausführlich, mit Pro- und Contra-Kommentaren und allem was dazu gehört. Mittlerweile beschäftigt das Thema auch überregional die Medien und ein Ende ist vorerst nicht abzusehen. Wie zu erwarten wurde gestern nun auch die erste Eskalationsstufe erreicht: die NPD marschierte auf. Die Rechten, die sich wie so oft als Garanten von Recht und Sicherheit aufspielten,  organisierten eine Mahnwache in Randerath und begaben sich dann unangemeldet zum Wohnhaus. Die Polizei griff ein und nahm 60 Rechte kurzfristig in Gewahrsam. Aber auch nach Ende der NPD-Veranstaltung musste die Polizei das Haus wieder gegen örtliche und angereiste Demonstranten beschützen. Es fehlen wahrscheinlich nur noch die Heugabeln und Fakeln um den typischen Frankenstein- oder Simpsons-Lynchmob zu produzieren.

Nun, was ist von solch einer Sache zu halten? Sollen oder müssen Politiker und Medien vor Sexualstraftätern warnen? Meine Meinung: ganz eindeutig nein! Zwar kann ich die Sorge der Randerather nachvollziehen. Aber man muss doch überlegen, was für einen Präzedenzfall man hier schafft. Soll in Zukunft über jeden Kinderschänder informiert werden? Und wo zieht man dann die Grenze? Muss man die Bevölkerung nicht auch vor entlassenen Vergewaltigern (nicht an Kindern) warnen? Vor entlassenen Mördern? Totschlägern? Täter, die einen Mord oder Totschlag versucht haben? All solche Leute könnten eine Gefahr darstellen, über die ich als Nachbar gerne Bescheid wüsste, oder nicht? Eine solche Situation wäre das Ende unseres Rechtsstaates, das Ende der persönlichen Freiheit und das Ende des Datenschutzes. Und das kann außer der NPD doch niemand wollen.

Außer Frage steht natürlich, dass es ein Skandal ist, dass ein Sexualstraftäter, dem Gutachter eine hohe Rückfallquote zurechnen, nicht in Sicherungsverwahrung genommen wird. Aber dies ist eine Fragestellung, die mit der Frage nach der Unterrichtung der Bevölkerung nicht direkt etwas zu tun hat. Denn wenn erst einmal über laut Gutachten gefährliche Menschen informiert wird, dann wird die Bevölkerung doch sicher auch wünschen, über alle potentiell gefährlichen Ex-Häftlinge unterrichtet zu werden. Die könnten ja schließlich auch rückfällig werden. So ein Gutachter kann sich ja mal irren.

Und dann ist da noch die Frage der Verantwortung. Ist ein Landrat verantwortlich, wenn ein Täter rückfällig wird und er, der Landrat, die Bevölkerung nicht gewarnt hat? Und wenn er sie doch gewarnt hat? Was, wenn der Kinderschänder gelyncht wird? Bitte liebe Deutsche, lasst es nicht zu, dass wir uns mit solchen Fragen befassen müssen. Dann wären wir nämlich mit einem Schlag aus der Moderne in die Vergangenheit gerutscht. Und dabei sind wir doch immer so stolz, dass wir so modern sind und nicht so rückständig wie diese bösen bösen islamischen Staaten mit ihrer Lynchjustiz zum Beispiel…